Eine Reise, die man aushalten muss
Das Cover von In die Schweiz ist gelungen und funktioniert als eigenständiges, kunstvolles Element. Etwas irritierend ist dagegen der Titel, der auf den ersten Blick nicht recht zum eigentlichen Werk zu passen scheint – tatsächlich deutet er jedoch bereits früh ein zentrales Thema des Romans an: Sterbehilfe. David, der Protagonist, befindet sich in einem frühen Stadium der Demenz, das sich im Verlauf der Handlung zunehmend verschlimmert, und mit dem Fortschreiten der Krankheit drängen sich grundlegende Fragen über das Leben und sein Ende auf.
Der Einstieg in den Roman ist so verwirrend wie Davids Gedankenwelt selbst: Ohne Vorwarnung wirft Cline die Leser:innen mitten in seine wirren, sprunghaften Gedanken. Sie schreibt in kurzen, staccatohaften Sätzen, die zugleich klug und trocken-komisch wirken und dem fragmentierten Bewusstsein ihrer Hauptfigur eine eigene, unverwechselbare Stimme verleihen. Mit einem alten, an Demenz erkrankten Mann ins Zentrum der Erzählung zu rücken, ist zudem eine mutige Entscheidung. David wirkt dabei glaubwürdig: Seine Aussetzer und Wiederholungen lesen sich authentisch. Diese Konsequenz hat allerdings ihren Preis, wie David selbst verliert sich auch die Leserin phasenweise in der Verwirrung.
Gerade das macht den Roman aber zu mehr als einem literarischen Experiment. Wer Angehörige mit Demenzerkrankung hat, findet hier die seltene Gelegenheit, die Perspektive zu wechseln und die Hilflosigkeit, die eine solche Erkrankung mit sich bringt, nachzuempfinden. Cline erinnert dabei eindringlich daran, dass Demenz jeden treffen kann, auch die Reichen und scheinbar Abgesicherten und macht so klar, wie wichtig frühzeitige Vorsorge für uns alle ist.
In die Schweiz ist kein Buch, das sich leicht konsumieren lässt. Wer bereit ist, sich durch die fragmentierte Erzählweise hindurchzubeißen, wird am Ende mit einem Leseerlebnis belohnt, von dem man noch lange zehrt.