Fast wie beim Jedermann

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emmmbeee Avatar

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Eins der größten Sorgen der Menschen von heute: Was ist, wenn „es“ uns trifft? Das Verschwinden unserer Persönlichkeit. Des Menschen, der uns ausmacht, also letztlich die Demenz? Was beim Mann auf dem Coverbild in der Kniegegend angedeutet wird, beginnt im Kopf. Mit genügend Kleingeld kann man bei der entsprechenden Diagnose dem gefürchteten Zustand rechtzeitig durch den Freitod vorbeugen, unter anderem in der eher liberalen Schweiz. Dann ist der Patient meist auch nicht allein, denn ein Assistant, in diesem Fall Cody, umsorgt ihn. Darauf können die meisten von uns jedoch nicht hoffen.
Was ich damit sagen will: Es kann wie in diesem Fall auch die Reichsten treffen, nur wird für sie gesorgt. Fast könnte man neidisch werden. Um Demenz zu beneiden ist aber weiß Gott niemand. Auch musste ich bei der Lektüre an den „Jedermann“ von Hugo v. Hofmannsthal denken, dem Spiel vom Sterben des reichen Mannes, gerade in der Hotelszene mit der Prostituierten. Nur dass David sein Ende selber wünscht.
Wir erlesen Schritt für Schritt, wie es mit dem Protagonisten geistig abwärts geht, wie sich sein Ich auflöst, wie er von der Lebensorganisation durch seine Umgebung immer abhängiger wird. Und wie sehr ihn quält, dass er seiner Tochter nichts sagen sollte, um den Ablauf nicht zu gefährden.
Um soziale Unterschiede geht es ebenfalls in anderen Bereichen, wie bei Emma Cline in den meisten ihrer Werke. Sie schildert meisterhaft die sich auflösende Welt des Kranken, sein allmähliches Abbrechen in das Nichts. Das wird auch im Narrativ deutlich, wenn David immer wieder unversehens in die Vergangenheit abgleitet.
Selbst in der äußeren Schriftform trägt Emma Cline dem unsteten Geist Rechnung, indem Absätze rasch abgebrochen, die Gedanken abrupt beendet werden. Bei mir hat das bewirkt, dass ich selbst ganz unruhig wurde. An einen gleichmäßigen Lesefluss war nicht zu denken, denn es geht im Zickzack kreuz und quer durch Davids Gedankenwelt und durch die Lebensabschnitte, oft nur in zwei, drei Sätzen, dass ich mich immer wieder neu besinnen musste: In welcher Zeit ist David jetzt wieder?
Emma Cline hat nicht nur zum Thema Demenz gründlich recherchiert, sondern auch die Stadt Zürich gut durchforscht. Dieser Roman dürfte wohl keinen Leser unberührt lassen. Einerseits weil es (wie eingangs erwähnt) mit einiger Wahrscheinlichkeit jeden von uns genauso treffen kann. Andrerseits weil die Autorin sehr packend zu erzählen weiß, auch in jedem ihrer anderen Bücher. Ich würde den Roman allen Lesern empfehlen, welche ihre Augen nicht vor unangenehmen Gedanken verschließen wollen.