faszinierende Sichtweise
Emma Cline „In die Schweiz“
„Sein Verstand stolperte, stotterte und spuckte nichts aus. […] Sein Verstand war da, und dann wieder nicht, wie ein schwaches Radiosignal. Rauschen, sich verstärkendes Rauschen. Dann wurde der Empfang allmählich besser.“
In Emma Clines neuem Roman „In die Schweiz“ gehen wir zusammen mit David, 75 Jahre, und Cody, seinem Assistenten, auf Davids letzte Reise. David ist an Demenz erkrankt und ist sich bewusst, dass bald der Tag kommen wird, an dem „der Inhalt seines Verstandes mit einem Eiscreme-Portionierer anstatt nur hier und da mit diesen niedlichen kleinen Teelöffeln herausgeschabt“ werden wird. Daher plant er, sein Leben selbstbestimmt zu beenden, solange sein Körper ihm noch einigermaßen gehorcht und er die finale Unterschrift leisten kann. Über einen Abstecher nach London, um sich von seiner Tochter Rebecca zu verabschieden, die nichts von seinem Vorhaben weiß, und nach Frankreich fliegen sie in die Schweiz, wo er mithilfe einer Organisation die letzten Schritte einleitet. Auf dem Weg dorthin ist ihm seine Vergangenheit näher als die Gegenwart, und gewisse Lebensfragen drängen sich ihm auf: War er ein guter, braver Mensch? Hat er sein Leben sinnvoll verbracht oder es durch zu viel Arbeit verschwendet?
Das Besondere an dem Roman ist, dass Cline uns diese Reise komplett aus der Perspektive von David erleben lässt – fragmentarisch, sprung- und lückenhaft abgebildet auch in der Textstruktur und im Seitenlayout. Ohne zu wissen, wie sich Demenz anfühlt, finde ich, dass sie David und diesen Prozess des inneren Zerfalls sehr gut eingefangen hat. Neben Momenten der Klarheit und Gedächtnisaussetzern, die es ihm unmöglich machen, ein Gespräch zu verfolgen, sich zu orientieren oder alltägliche Dinge zu handhaben, erfahren wir in diesem Roman ein breites Bild an Symptomen: durch äußere Reize auftretende Erinnerungsschübe, extreme Gereiztheit, Verwirrung, ständige Furcht sowie körperliche Gebrechen. David ist aber viel mehr als seine Krankheit. Wir lernen ihn als klugen Manager, als distanzierten Vater, als gottesfürchtigen Jungen und reuevollen Freund kennen. Auf seinem letzten Weg sehnt er sich nach Nähe, Versöhnung, Innigkeit.
Fazit
Neutral, nüchtern, ohne Sentimentalität, aber mit Humor, leider auch mit leichten Längen veranschaulicht uns Cline die Lebens- und Gefühlswelt von Demenzbetroffenen und zeigt uns, wie unbewältigbar dadurch die Existenz erscheint. Eine faszinierende, unerwartete Sichtweise – empfehlenswert.