GHUL im Hirn- wie reagiert erfolgsverwöhnter Machtmensch auf schleichenden Kontrollverlust

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granny7m Avatar

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Der Titel „in die Schweiz“ gibt in Sachen Inhalt keinen Aufschluss.
Das Titelbild ist irreführend: es schaut im Text kein bodenständiger Landmann über seine linke Schulter zurück. Sondern es ist das fesselnde Porträt eines ehemals erfolgreichen Geschäftsmannes, der nach der Diagnose „Demenz“ sich zu seiner letzten Reise mit Endziel Zürich aufmacht, über einigen Abschieds Stationen (London, Tochter, Frankreich Freunde) und während der Reise seinen zunehmenden mentalen Verfall noch selbst registriert. Gedanken über das, was er im Leben erreicht hat und das, was vom Leben bleibt, durchqueren sein immer löchriger werdendes Hirn.
Wieso zieht es ihn in die Schweiz? Ein Leben lang war die Schweiz für den Geschäfts-Mann ein Ort diskreter Deals und auch beim Abtreten von der Welten Bühne sind ihm die Schweizer problemlos behilflich: à votre service!
Wir lesen eine einfühlsame Studie einer weiblichen Beobachterin von Davids männlicher Seele -David im Wellenbad der Gefühle. Mit punktgenauer Intelligenz beschreibt Cline die Abgründe und Ängste eines Menschen, der sein Leben lang Alles unter Kontrolle hatte und jetzt sehenden Auges seinen Verstand verliert. Mit psychologischer Sachkunde beschreibt sie den Beginn einer Demenz, wo sich die Phasen von mentalen Ausfällen noch mit hellsichtigen Momenten abwechseln …eine illusionslose scharfsichtige Selbstwahrnehmung des Patienten Berührende Gedanken in wenigen Andeutungen - das Ungesagte stets mitbedacht von der Autorin; Empathie und Mitleid zwischen den Zeilen: war doch bisher mit Geld ziemlich alles gelungen im Leben des David und nun zerbröselt Stück für Stück das Selbstbild des Kontrolleurs seines Schicksals.

Achten sie auch auf die scheinbare Nebenrolle des „Jungen“ wie David seinen guten Geist Cody nennt, der geduldig und sensibel alle Gefahren des dement Werdenden vorhersieht aber ihm trotzdem so viel wie möglich die Noch-Eigenständigkeit vorgaukelt…tragisch, aber gut beobachtet die herrschaftliche unkaputtbare Arroganz, das Herabschauen des Patienten auf seinen Pfleger: die Umkehr der Abhängigkeit will David sich nicht eingestehen…stets zu Diensten aber nicht gesellschaftlich anerkannt-Cody.
Eine so feinsinnige sachkundige Beschreibung aller Nöte und Malheure dessen, der die Macht über sein Tun verliert, kann man nicht erfinden - das muss aus eigenem Erleben im direkten Umfeld stammen. Auch bei derartiger Annahme ist es immer noch eine großartige Leistung der Darstellung des Nichtgesagten, des Bedauerten und z.B. der Hilflosigkeit der Tochter, die völlig naiv am kranken Vater vorbei sendet, ihr gesellschaftliches Korsett nicht abstreifen kann—trostlose Szenen! Annabel ist unfähig zur Menschlichkeit wie der Geschäfts-Mann David…. bis zu seiner Diagnose. Bis dahin sah er das Leben, oberflächlich, als ein Wechsel von Gelegenheiten und Irrtümern (p382…)
Unter den veränderten Umständen will David sich nicht mehr „um den endlosen Wartungsaufwand des Lebens kümmern“ (p104) und sucht Schweizer Beistand.
Wer gehört zur Zielgruppe? Sicher Angehörige der in der Demenz verschwindenden Lieben, weniger geeignet für frisch Diagnostizierte. Ein Buch für Jeden, der seine diffuse Angst vorm Verlust des eigenen Verstandes bändigen kann -zugunsten des ästhetischen Vergnügens an den großartigen Formulierungen und der Feinsinnigkeit der Autorin, an dem Sinn für Komik und an hoher Sachkunde, fern jeder Sentimentalität praktiziert.
Meisterlich von der Autorin zur Empathie gezwungen wird der Leser auch angeregt zur eigenen Positionierung zum Thema … in Zeiten der grenzenlosen körperlichen Selbst Optimierung (mithilfe von Fitness Tracker und Schönheits-OP) ALLES MACHBAR…auch das Ende…? und dann? Den etwas rätselhaften letzten Satz
ich strecke die Hand aus. verstehe ich als Lösungsvorschlag