Privilegien sind nicht mehr im Angebot

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jenvo82 Avatar

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„Befremdlich, diese nur von David bevölkerte psychische Eisscholle, die ins polare Dunkel davontrieb. Manchmal war er eine Gestalt, die am Ufer stand und sich wegtreiben sah, und manchmal war er auf der Eisscholle und verlor das Land aus den Augen.“

Inhalt

Es sind die letzten drei Tage im Leben des einst so erfolgreichen und gewandten Mannes David Hastings, dem es nie an Geld und Einfallsreichtum mangelte und der seine letzte irdische Reise nun in Begleitung seines jungen Assistenten Cody antritt. Sein Ziel ist die Schweiz: ein selbstbestimmter Abgang ohne Schmerzen, fast zivilisiert, berechenbar wie sein ganzes Leben. Vorher unternimmt er noch einen Zwischenstopp bei der ihm fremd gewordenen Tochter und seinem Jugendfreund, mit dem er sich gerne aussöhnen möchte, soweit sein eigener geistiger Zustand das zulässt. Die Fehler der Vergangenheit sind präsent, doch nicht mehr änderbar. Reue macht für David keinen Sinn, sein Geist lässt ihn immer mehr im Stich, eine weitere Anstrengung erscheint sinnlos …

Meinung

Nachdem zwei Romane der amerikanischen Autorin Emma Cline auf Anhieb zu meinen Lieblingsbüchern avanciert sind, war ich hier sofort bereit mich auf diese Story einzulassen. Die dringliche Situation des Protagonisten, komprimiert auf ein sehr kurzes Zeitfenster, fokussiert auf ein bedauernswertes Krankheitsbild und im Hintergrund das ethische Streitthema der Sterbehilfe – all das sind omnipräsente Themen mit Tiefgang.

Dieses Buch war dennoch ganz anders als erwartet und bleibt sicherlich lange im Gedächtnis haften. Der Leser wird mit jeder Zeile in den fortschreitenden Verfall des menschlichen Geistes gezogen, immer stärker in die Abwärtsspirale gerissen und trotz großer Distanz zur Hauptfigur wird die Intimität der Situation messerscharf beobachtet. Der David Hastings, der dritten Person Singular wird zum Botschafter des Lebens: Was bleibt in den Tagen nach dem eigenen Ableben? Warum nannte sich alles davor überhaupt Leben, wenn man es nicht als solches gewürdigt hat?

Eine sehr destruktive Situation gepaart mit beklemmender Angst und dementer Demut prägen den Text. Die dauerhaften Gedankensplitter, deren Sequenzen kürzer und wirrer werden, bilden die Eckpfeiler. Der Lesefluss stockt oft und einiges bleibt im Schatten verborgen.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne für ein besonderes, bewegendes Buch mit tiefgreifenden Gedankengängen und psychologischem Gespür. Zunächst hat mir diese Art der Erzählung nicht gefallen, aber es ist eine Frage der Gewöhnung. So nah wie fern scheint das Beschriebene – der Demenz und ihrer zerstörerischen Kraft werden die Worte definitiv gerecht. Man kann es wohl lieben oder hassen, für beide Gefühle bleibt Raum – mich konnte es nur wenig berühren, dafür hat es mich fasziniert und sensibilisiert und diese Kombination macht den eigentlichen Reiz des Romans aus.