Reise in den Tod
Verlust des Verstandes, Abschied vom Leben - ein Meisterwerk: gut konstruiert, psychologisch raffiniert, sprachlich brillant
Eine Reise in den Tod, in vollem Bewusstsein, das aber zunehmend verblasst und verschwindet, denn David Hastings, ein wohlhabender Unternehmer Mitte 70, ist dement und hat sich entschieden, in der Schweiz aus dem Leben zu scheiden - ein sogenannter assistierter Suizid. Vorher aber wird es einen Zwischenstopp in London geben, denn dort lebt seine Tochter Rebecca mit Ehemann und Sohn. Sie weiß nichts von seinem Vorhaben.
Er sieht es ganz nüchtern: ‘letztlich war es ein Geschäftsvorgang’ (13) und ihm ist klar, dass er sonst ein schrecklicher Pflegefall würde. ‘Sein Verstand stolperte, stotterte und spuckte nichts mehr aus.’ (16). Er hat es früh gemerkt, aber versucht, es zu verbergen, so zu tun, als sei alles in Ordnung, aber es war eine große Anstrengung, ‘die Anstrengung zu verbergen’ (30).
Begleitet wird er von seinem Assistenten Cody, einem jungen Mann, ‘der Junge’, der ihn einfühlsam betreut und sich taktvoll um ihn kümmert und demütigende Situationen geschickt auflöst. David selbst kann nicht mal mehr seinen Reiseplan im Kopf behalten, den er deshalb in klobiger Handschrift in sein Notizbuch einträgt. Wenn er die Buchstaben ansieht, erinnert er sich an seine Lehrerin und das Schreibenlernen. ‘Was immer er als Nächstes tun sollte, war in der Tundra seines Gehirns verschüttgegangen.’ (103)
Alles, was er sieht und wahrnimmt, löst Assoziationen und unzusammenhängende Erinnerungen in ihm aus; seine gesteigerte Wahrnehmung der Umwelt wird von Emma Cline bildhaft vorstellbar beschrieben: das Menschengewimmel auf Londons Straßen, die plärrende Musik, die Atmosphäre in einem Restaurant.
Auch seine Familie gerät ins Erinnerungsblickfeld, seine Verhältnis zur Tochter Rebecca, das merkwürdig steif und unterkühlt wirkt. Er kommt zu der Erkenntnis, dass er sie nur bruchstückhaft kennt und dass sie nie eine richtige Familie gewesen sind. Als sie zehn war, hatte er sich scheiden lassen. Gefühle wurden nicht zur Schau gestellt, auch jetzt nicht. Seine Arbeit war sein Leben, zu der er lieber zurückkehrte als zur Familie.
Möglicherweise liegt das auch an der Sache mit Tom, einem Studienfreund, mit dem ihn eine besondere Beziehung verband, wahrscheinlich homosexueller Art. Es werden ganz zart körperliche Annäherungen angedeutet, aber David scheint sich nie zu seiner Homosexualität bekannt zu haben. Das ist ein Punkt, wo einem dieser einsame alte Mann sehr Leid getan hat. Doch es ist vorbei, verpasst und nicht mehr zu ändern.
Mich hat nicht nur Emma Clines Einfühlungsvermögen in die demente Psyche eines alten Mannes beeindruckt, sondern nicht minder ihr unglaublich sprachliches Vermögen. Hier ein paar Kostproben aus David Wahrnehmung:
Toast in Habachtstellung im Silberkäfig (172) - Erbsen mit ihren Grübchen von zu langem Kochen (180), wie ‘die Lichter sich zum Gittermuster der Zivilisation ordneten’ (217). - Auch ein wenig schwarzer Humor kommt vor, z.B. als David das Schild ‘Ausfahrt’ liest und es als ‘assfart’ versteht.
Fazit
Es ist unglaublich, wie tief die junge Autorin in die Gedankenwelt eines Dementen eintaucht, wie sie den zunehmenden Verfall und das Vergessen in eindringlichen Bildern, in zutreffenden Sätzen beschreibt, aber auch die Erinnerungsbruchstücke, die David überfluten, das alles in einer brillanten Sprache.
Kurz und gut: ein Meisterwerk, wegen des ernsten Themas nicht einfach zu lesen, sachlich-nüchtern geschrieben, aber dennoch berührend.
Eine Reise in den Tod, in vollem Bewusstsein, das aber zunehmend verblasst und verschwindet, denn David Hastings, ein wohlhabender Unternehmer Mitte 70, ist dement und hat sich entschieden, in der Schweiz aus dem Leben zu scheiden - ein sogenannter assistierter Suizid. Vorher aber wird es einen Zwischenstopp in London geben, denn dort lebt seine Tochter Rebecca mit Ehemann und Sohn. Sie weiß nichts von seinem Vorhaben.
Er sieht es ganz nüchtern: ‘letztlich war es ein Geschäftsvorgang’ (13) und ihm ist klar, dass er sonst ein schrecklicher Pflegefall würde. ‘Sein Verstand stolperte, stotterte und spuckte nichts mehr aus.’ (16). Er hat es früh gemerkt, aber versucht, es zu verbergen, so zu tun, als sei alles in Ordnung, aber es war eine große Anstrengung, ‘die Anstrengung zu verbergen’ (30).
Begleitet wird er von seinem Assistenten Cody, einem jungen Mann, ‘der Junge’, der ihn einfühlsam betreut und sich taktvoll um ihn kümmert und demütigende Situationen geschickt auflöst. David selbst kann nicht mal mehr seinen Reiseplan im Kopf behalten, den er deshalb in klobiger Handschrift in sein Notizbuch einträgt. Wenn er die Buchstaben ansieht, erinnert er sich an seine Lehrerin und das Schreibenlernen. ‘Was immer er als Nächstes tun sollte, war in der Tundra seines Gehirns verschüttgegangen.’ (103)
Alles, was er sieht und wahrnimmt, löst Assoziationen und unzusammenhängende Erinnerungen in ihm aus; seine gesteigerte Wahrnehmung der Umwelt wird von Emma Cline bildhaft vorstellbar beschrieben: das Menschengewimmel auf Londons Straßen, die plärrende Musik, die Atmosphäre in einem Restaurant.
Auch seine Familie gerät ins Erinnerungsblickfeld, seine Verhältnis zur Tochter Rebecca, das merkwürdig steif und unterkühlt wirkt. Er kommt zu der Erkenntnis, dass er sie nur bruchstückhaft kennt und dass sie nie eine richtige Familie gewesen sind. Als sie zehn war, hatte er sich scheiden lassen. Gefühle wurden nicht zur Schau gestellt, auch jetzt nicht. Seine Arbeit war sein Leben, zu der er lieber zurückkehrte als zur Familie.
Möglicherweise liegt das auch an der Sache mit Tom, einem Studienfreund, mit dem ihn eine besondere Beziehung verband, wahrscheinlich homosexueller Art. Es werden ganz zart körperliche Annäherungen angedeutet, aber David scheint sich nie zu seiner Homosexualität bekannt zu haben. Das ist ein Punkt, wo einem dieser einsame alte Mann sehr Leid getan hat. Doch es ist vorbei, verpasst und nicht mehr zu ändern.
Mich hat nicht nur Emma Clines Einfühlungsvermögen in die demente Psyche eines alten Mannes beeindruckt, sondern nicht minder ihr unglaublich sprachliches Vermögen. Hier ein paar Kostproben aus David Wahrnehmung:
Toast in Habachtstellung im Silberkäfig (172) - Erbsen mit ihren Grübchen von zu langem Kochen (180), wie ‘die Lichter sich zum Gittermuster der Zivilisation ordneten’ (217). - Auch ein wenig schwarzer Humor kommt vor, z.B. als David das Schild ‘Ausfahrt’ liest und es als ‘assfart’ versteht.
Fazit
Es ist unglaublich, wie tief die junge Autorin in die Gedankenwelt eines Dementen eintaucht, wie sie den zunehmenden Verfall und das Vergessen in eindringlichen Bildern, in zutreffenden Sätzen beschreibt, aber auch die Erinnerungsbruchstücke, die David überfluten, das alles in einer brillanten Sprache.
Kurz und gut: ein Meisterwerk, wegen des ernsten Themas nicht einfach zu lesen, sachlich-nüchtern geschrieben, aber dennoch berührend.