Sehr intensiv und berührend

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bettyliteratur Avatar

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In die Schweiz - Emma Cline
„Er war zugleich hier und nicht hier.“
David, ein Mitte 70 Jahre alter Mann, hat die Entscheidung getroffen, auf eigenen Wunsch sein Leben zu beenden, da seine Demenzerkrankung immer weiter fortschreitet. Dazu hat er ein Arrangement in der Schweiz getroffen und lässt sich dabei von Cody, einem jungen Mann, begleiten und betreuen.
Obwohl er vieles, vor allem Alltägliches, vergisst, lebt er immer noch im eigenen Bewusstsein, die Krankheit beobachtend, die ihm den Verstand raubt, den Verfall von Körper und Geist genau registrierend.
David unternimmt eine letzte Reise nach London, um seine Tochter und seinen Enkelsohn zu sehen, aber reden kann er nicht über seine Entscheidung. Tochter und Enkel sind ihm fremd.
Die Vergangenheit tritt deutlicher hervor, obwohl die Gegenwart ihm soviel Mühe bereitet. Aber die Vergangenheit taucht auch unkontrolliert auf, Liederzeilen, Kindheitserinnerungen, Gedankenfetzen. Besonders Erinnerungen an seinen Highschool-Freund Tom, der ihm viel bedeutet hat und dem er Schlimmes angetan hat, bewegen ihn, er möchte ihn zum Abschied sehen. Das Treffen der beiden Männer ist fast absurd angesichts der Erwartungen, die David daran knüpft. Am Ende haben sie sich nichts zu sagen.
Traurig, aber auch mit subtilem Humor erzählt die Erzählerin von den letzten Tagen eines Mannes, der versucht, mit seinem Leben abzuschließen. Dazu hilft die personale Erzählperspektive -ganz nah an den verwirrenden Gedanken und Überlegungen des Protagonisten -, andererseits schafft sie die nötige Distanz.
Wir erleben die Welt eines Demenzkranken, eines ehemals beruflich erfolgreichen Mannes, der lange versucht hat, seinen Zerfall zu vertuschen und der sich nun mühsam Orientierung durch sein Notizbuch und sein Handy verschafft. Was bleibt von seinem Leben?
Es ist ein sehr ungewöhnliches Buch, das Emma Cline hier geschrieben hat. Das Tabu, die eigenständige Entscheidung über den Zeitpunkt des Todes zu treffen, all das rüttelt auf. Ein einsamer, verlorener Mann, der diese Entscheidung in vollem Bewusstsein treffen muss. Aber er ist bereit.
Ein sehr intensives, berührendes Buch.
Und ein sehr starkes Cover.
Übersetzt aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Hanser 2026