Ungewöhnlich und bedrückend

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
lucyyy Avatar

Von

In die Schweiz von Emma Cline ist ein eher ruhiger, aber gleichzeitig sehr intensiver Roman. Im Mittelpunkt steht David Hastings, ein älterer Mann, dessen Gedächtnis und Verstand zunehmend nachlassen. Er macht sich mit seinem Assistenten Cody auf eine letzte Reise: Über London, wo er seine Tochter besucht, geht es weiter in die Schweiz, wo er selbstbestimmt sterben möchte.

Besonders interessant fand ich, wie Emma Cline Davids Wahrnehmung beschreibt. Seine Gedanken springen zwischen der Gegenwart und Erinnerungen aus seinem früheren Leben hin und her. Dadurch bekommt man immer stärker das Gefühl, dass David selbst nicht mehr genau weiß, was wirklich passiert und was nur noch eine Erinnerung ist. Das macht die Geschichte teilweise sehr beklemmend, aber auch spannend.

Die Figur David ist dabei nicht unbedingt jemand, mit dem man sich sofort identifizieren kann. Er wirkt oft egoistisch und distanziert, gleichzeitig merkt man aber, wie hilflos er gegenüber dem zunehmenden Verlust seiner eigenen Persönlichkeit ist. Gerade diese Mischung fand ich interessant, weil das Buch dadurch nicht versucht, ihn einfach als sympathischen oder unsympathischen Menschen darzustellen.

Der Schreibstil ist sehr detailliert und konzentriert sich stark auf Davids Gedanken und kleine Beobachtungen. Das passt gut zur Geschichte, auch wenn ich dadurch an einigen Stellen etwas langsamer gelesen habe. Die Handlung selbst ist nicht besonders actionreich, sondern lebt vor allem von der Stimmung und der Frage, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn Erinnerungen und Selbstständigkeit langsam verschwinden.

Besonders nachdenklich hat mich die Frage zurückgelassen, ob David wirklich frei über sein eigenes Leben und seinen Tod entscheiden kann, wenn sein Verstand bereits beginnt, ihn im Stich zu lassen. Das Buch gibt darauf keine einfache Antwort, sondern lässt einen selbst darüber nachdenken.

Insgesamt ist In die Schweiz kein leichtes Buch, aber eines, das im Gedächtnis bleibt. Die Geschichte ist traurig und teilweise sehr bedrückend, gleichzeitig aber auch faszinierend, weil man David so nah durch seine letzten Tage begleitet. Wer gerne ruhige, psychologisch erzählte Romane liest, die sich mit schwierigen Themen beschäftigen, könnte an diesem Buch Gefallen finden.