Unsicheres Terrain

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Manchmal sind es nur noch Fragmente, an die er sich erinnern kann. Gerade erst hat er eine neue Information erhalten, doch diese zerrinnt ihm sofort zwischen seinen Finger wie ein Eiswürfel in brütender Hitze. Und diese Entwicklung wird sich fortschreiben; schon bald wird sich David an gar nichts mehr erinnern können – eine Aussicht, die ihm Angst und Sorge bereitet, schließlich ist sein Alltag schon jetzt verwirrend genug. Zu diesem Zweck tritt David eine letzte große Reise ein und begibt sich in die Schweiz. Doch vorher hat er noch Besuche zu erledigen, möchte seine erwachsene Tochter sehen und mit ihr einen (hoffentlich) schönen Abend verbringen, möchte seinem Jugendfreund Tom noch einmal begegnen, denn er spürt, dass hier noch Dinge unausgesprochen geblieben sind. In diesen Nebel aus vergangenen Erinnerungen mischt sich die Überzeugung, das die Schweiz in Begleitung seines Assistenten Cody das richtige Ziel für die Gegenwart ist – und auch für die Zukunft.

„Manchmal war es, als betrachtete man das Anmachholz für ein Leben, ein akribisch gebautes Feuer, das kalt, unangezündet war. Die Möglichkeit war da, die Elemente sachgerecht angeordnet, aber er konnte es nicht entfachen“ (S. 80)

Mit ihrem inzwischen dritten Roman „In die Schweiz“ konnte sich Emma Cline in diesem Jahr auf der Longlist des Booker Prize platzieren – eine besondere Ehre! Cline widmet sich einem Protagonisten, der per se als unzuverlässiger Erzähler fungiert, befindet er sich doch in einem fortgeschrittenen Stadium einer Demenzerkrankung, die schon bald dafür sorgen wird, dass sein Erinnerungsvermögen gänzlich seinen Dienst quittieren wird. Die Löchrigkeit von Vergangenem bildet Cline in einer Prosa des Sprunghaften ab und schafft so eine literarische Visualisierung von Gedächtnisverlust.

Es fällt David zunehmend schwer, sich in der Welt, die seinen Alltag bildet, zurechtzufinden. In einem Notizbuch vermerkt er in Stichworten wichtige Aspekte, die seine Gegenwart prägen, doch verschwimmen zunehmend auch hier die Verbindungen in die Wirklichkeit, so dass die Notizen zu kryptisch-willkürlichen Schnipseln seiner Realität werden. Die Reise in die Schweiz soll dazu beitragen, dass er – und hier muss ich kurz einen kleinen Spoiler loswerden, der jedoch auch ziemlich früh im Roman bereits aufgelöst wird – seinem Leben ein Ende setzen kann, in eigener Verantwortung, bevor sein Geist ihm diese Eigenmächtigkeit vollends verweigert. Der junge Cody begleitet ihn, fungiert als Assistent, auch wenn David diese Rolle mit zunehmender Reisedauer nicht immer ganz klar zu sein scheint. Emma Cline hat sich ein interessantes literarisches Abenteuer begeben, indem sie konsequent die Perspektive des Demenzerkrankten einnimmt und das Vergessen und Verlieren von Erinnerungen und Orten, Menschen und Worten zur erzählerischen Instanz wird. Dieser sich auch im Schriftbild widerspiegelnde, fortschreitende Verlust wird von Cline faszinierend geschildert, schafft sie es doch, eine Atmosphäre des permanenten Versuchs der Rückgewinnung von Kontrolle zu kreieren.

Gleichzeitig muss ich aber auch sagen, dass mich dieses Motiv zwar durchgängig begeistern konnte, ich aber über die eine oder andere Raffung dennoch dankbar gewesen wäre. Die inhaltlichen Auseinandersetzungen mit Davids Familiengeschichte, seiner Sexualität und seiner beruflichen Orientierung traten für mich gelegentlich ein wenig auf der Stelle und wollten sich nicht so recht bewegen – ein Bild, was sicherlich hervorragend zum Protagonisten passt, das mich aber gleichzeitig nicht hundertprozentig überzeugen konnte. Insgesamt ist „In die Schweiz“ ein erzählerisch raffiniert komponierter Roman mit einigen unerwarteten Wendungen, den ich trotz einiger Längen gerne hier empfehle!