Zum Suizid in die Schweiz

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Zum Suizid In die Schweiz. In ihrem neuen Roman blickt die US-amerikanische Autorin Emma Cline ins Innerste eines begüterten Mannes, der nach einer Demenz-Diagnose seinem Leben ein Ende setzen will. Mit dem Privatjet geht es dafür in die Schweiz – und tief hinein ins zerklüftete Gebirge des eigenen Erinnerns.

Wo befindet sich das größte Turmzifferblatt Europas? Nach der Lektüre von Emma Clines neuem Roman weiß man es. In Zürich nämlich, denn dort prangt am Turm St. Peter das mit achteinhalb Metern Durchmesser größte Zifferblatt, das damit sogar den Big Ben in London schlägt. Überhaupt, an Uhren und der damit verbundenen Symbolik der verstreichenden Zeit mangelt es in In die Schweiz nicht. Dass Cline ihre Geschichte zum Teil in der Uhren-Nation Schweiz ansiedelt, ist wirklich hochsymbolisch zu lesen. Denn Clines Protagonist David Hastings will dort seinem Leben unter professioneller Aufsicht ein Ende setzen.

Früher war er als hochdekorierter Manager gefragt, steuerte Betriebe durch unruhige Zeiten und lebte als Führungskraft ein Leben im Luxus. Doch ein kognitiver Test bei einem medizinischen Check-Up förderte eine beunruhigende Diagnose zutage. So versagte ihm seine Gedächtnisleistung beim Memorieren mehrere Begriffe, beim Einzeichnen einer Uhrzeit in ein leeres Ziffernblatt scheiterte er völlig. Verstört muss er zur Kenntnis nehmen, dass er sich keine Dinge mehr merken kann. Rapide verschlechtert sich seine Gedächtnisleistung und entschwindet seinem Geist alles, was diesen früher ausgemacht hat.

Ein Erinnerungsvermögen in Fetzen

Nur noch in Fetzen ist Davids Erinnerungsvermögen vorhanden, was Emma Cline durch eine ebenso fragmentierte Erzählweise gleich von Anbeginn an nachbildet und damit auch für uns Lesende erfahrbar macht (Übersetzung aus dem Englischen von Nikolaus Stingl).

Man muss sich selbst erschließen, in welchen Lebensumständen sich David befindet, wie er zu dem dienstbaren Geist Cody steht, der ihm als Assistent zur Seite steht. Denn die Absätze in In die Schweiz sind mitunter nur ein paar Zeilen lang, ehe Davids sprunghafter Geists weitereilt oder sich mit der nächsten Wahrnehmung oder Erinnerung befasst.

Wie der Manager zu seiner Tochter oder seinem Enkel Rainer steht, welche Erfahrungen sein Leben prägten, all das erschließt sich durch das pointillistische Erzählen Clines erst langsam, als David vor seiner Reise in die Schweiz noch einmal nach Großbritannien fliegt, um dort Abschied zu nehmen von einer Welt, die er in entscheidenden Teilen schon wieder vergessen hat.

Ein unsteter Geist – und ein unstetes Erzählen

Immer wieder drängen verschüttete Erinnerungen und einst auswendig gelernte Schulwissen wie der Merksatz The quick brown fox jumps over the lazy dog oder das sequenzierte Schicksal der Frauen Heinrichs VIII. nach oben (Geschieden, geköpft, gestorben – geschieden, geköpft, überlebt). Solche Erinnerungspartikel schwemmt der Geist Davids neben musikalischen Zitaten wie Gustav Mahlers 9. Sinfonie – der bedeutungsschwangeren Abschiedssinfonie – nach oben.
Zudem neigt David auch zu Verballhornungen. Das Großmünster in Zürich ist für ihn ein Großmonster, oder die Dienstleisterin für den assistierten Suizid, den er in der Schweiz anstrebt, ist nur noch der „Ghul“ für ihn.

All das wirbelt in de Wahrnehmung des Mannes umher und macht literarisch nachvollziehbar, wie die Geistesleistung dieses früheren so alerten Managers stetig schwindet und alles in Frage stellt.

Irgendjemand hatte ihm mal gesagt: Man soll eine Party genau dann verlassen, wenn man bei sich denkt, das man sich prächtig amüsiert. Danach nämlich, hatte derjenige gesagt, konnte die Nacht nur noch den Bach runtergehen.

Es gab weitere Voraussetzungen, hatte Ghul erklärt, neben den medizinischen Unterlagen, den ärztlichen Bescheinigungen. Heiklere, mehr Geschick erfordernde. Hier glänzte cody, hier erwies er sich als unentbehrlich.
Ghul brachte einen Brief. Es musste ein Brief von David sein, darin bestand der ganze Sinn.
Emma Cline – In die Schweiz, S. 42

Die feinen Unterschiede

Doch nicht nur auf formaler Ebene ist In die Schweiz das bisher ambitionierteste Erzählwerk Emma Clines. Wie schon in Die Einladung stellt die US-Amerikanerin auch hier wieder ihren Sinn für soziale Unterschiede und verrutschende soziale Ebenen unter Beweis.
Wie sich David langsam von den Annehmlichkeiten seines früheren elitären Lebens inklusive Privatjet verabschieden muss, wie er nun ohne Betreuung fast nicht mehr handlungsfähig ist und trotzdem in manchen Momenten noch sein ehemals so scharfer Geist aufflackert, das ist bestrickend gut erzählt.

Meisterhaft führt Cline das in einer zentralen Szene zusammen. Dort weilt David nun in einem Luxushotel, wie es früher schon fast sein Zuhause war, allein an der Hotelbar. Den Weg vom Flirt mit einer jüngeren Prostituierten an der Bar bis hin zum gemeinsamen Aufsuchen von Davids Hotelzimmer unter der Vorspiegelung eines besseren kognitiven Zustands, als er David eigentlich zueigen ist, das ist großartig erzählt und zeigt Clines Gespür für die feinen Unterschiede im Sozialleben ihrer Figuren.

Verbunden mit einer wagemutigen Erzählweise und einem unbequemen Thema wir aus In die Schweiz ein Buch, das den Höhepunkt von Clines bisherigem literarischen Schaffen markiert. Wie sich die junge Autorin hier in den Geist und die Lebenswelt eines Dementen einfühlt, das ist enorm beeindruckend. Dass Switzy, so der schöne Originaltitel des Buchs, in diesem Jahr für den Booker Prize nominiert wurde, wird auch im Deutschen in der wendigen Übertragung von Nikolaus Stingl klar nachvollziehbar.