Dystopischer Denkanstoß
Jo Nesbøs „Insel der Ratten“ wird beworben als mit dem Potential von „Herr der Fliegen“ oder „Farm der Tiere“ zu ihrer Zeit gesegnet zu sein. Wahr oder bloßes Marketingversprechen?
Wer sich bei der Lektüre der Geschichte (Ist es ein Thriller? Dazu später mehr) an Corona erinnert fühlt, liegt gar nicht falsch, denn ursprünglich war sie Teil einer Geschichtensammlung, die zu dieser Zeit entstand. Und ja, Nesbø bespielt das Thema: Eine Pandemie hat die Welt und sicher geglaubte Gewissheiten auf den Kopf gestellt, der Großteil der Menschheit ist arbeitslos, die Demokratie Geschichte, Jugendbanden herrschen auf der Straße, die Reichen sitzen abgeschottet vom „Abschaum“ auf einer sicheren Insel, Zwischenstation Hochhausdach. Unter ihnen Colin Lowe, dessen Sohn Brad Anführer einer der marodierenden Banden ist. Als er die Tochter von Colins Freund Will entführt, sieht dieser sich gezwungen, einzuschreiten.
Mehr sei nicht verraten, denn wenngleich „Insel der Ratten“ m. E. nicht zwingend ein Thriller ist (ja, irgendwie schon), überwiegt der dystopische Part klar. Dennoch ist es spannend zu lesen, was da vor sich geht – und dieser Spannung sei nicht vorgegriffen. Ja, die Geschichte ist erschreckend realistisch: Nesbø übt Gesellschaftskritik, wirft ethisch-moralische Fragen auf (in seinen Krimis meist durch den für Gerechtigkeit kämpfenden Ermittler verkörpert, hier durch Will), ohne dies explizit zu tun, sondern indem er uns einen Spiegel vorhält und das gekonnt in einen Thriller bzw. eine Dystopie verpackt. Wer sich noch an Kämpfe um Toilettenpapier und später in anderem Zusammenhang um Sonnenblumenöl erinnert, wird nicht anders können, als das zu bejahen. Ob es so gewalttätig kommt, kann man sich ebenso fragen, wie ob das nicht nur Nesbøs ohnehin wenig zimperlicher Fantasie geschuldet ist. Hoffentlich steht der Beweis, wie es kommt, zu meiner Lebenszeit aus, aber genau das erreicht er mit dieser Geschichte: Man erinnert sich, fragt sich, wie weit es unter extremeren Umständen ginge, wegen wie wenig schon Konflikte ausbrechen können, ob die Moral überleben kann, wenn es ums nackte Überleben geht, wie weit manche Menschen bereit sind, zu gehen – töten sie wegen der Entführung eines geliebten Menschen oder schon, weil sie sich um das letzte Stück Brot reißen? Und erleben wir in anderer Ausprägung nicht ohnehin, was die Macht der Reichen uns einbringt? Ja, man muss das Genre aushalten können, noch dazu, ohne zu verzweifeln. Da die Geschichte relativ kurz ist (ca. 200 Seiten, also ohne Längen), kann man das aber auch mal als Denkanstoß. Dass „Insel der Ratten“ an das Potential der eingangs erwähnten Bücher heranreicht, würde ich jedoch nicht unterschreiben.
Wer sich bei der Lektüre der Geschichte (Ist es ein Thriller? Dazu später mehr) an Corona erinnert fühlt, liegt gar nicht falsch, denn ursprünglich war sie Teil einer Geschichtensammlung, die zu dieser Zeit entstand. Und ja, Nesbø bespielt das Thema: Eine Pandemie hat die Welt und sicher geglaubte Gewissheiten auf den Kopf gestellt, der Großteil der Menschheit ist arbeitslos, die Demokratie Geschichte, Jugendbanden herrschen auf der Straße, die Reichen sitzen abgeschottet vom „Abschaum“ auf einer sicheren Insel, Zwischenstation Hochhausdach. Unter ihnen Colin Lowe, dessen Sohn Brad Anführer einer der marodierenden Banden ist. Als er die Tochter von Colins Freund Will entführt, sieht dieser sich gezwungen, einzuschreiten.
Mehr sei nicht verraten, denn wenngleich „Insel der Ratten“ m. E. nicht zwingend ein Thriller ist (ja, irgendwie schon), überwiegt der dystopische Part klar. Dennoch ist es spannend zu lesen, was da vor sich geht – und dieser Spannung sei nicht vorgegriffen. Ja, die Geschichte ist erschreckend realistisch: Nesbø übt Gesellschaftskritik, wirft ethisch-moralische Fragen auf (in seinen Krimis meist durch den für Gerechtigkeit kämpfenden Ermittler verkörpert, hier durch Will), ohne dies explizit zu tun, sondern indem er uns einen Spiegel vorhält und das gekonnt in einen Thriller bzw. eine Dystopie verpackt. Wer sich noch an Kämpfe um Toilettenpapier und später in anderem Zusammenhang um Sonnenblumenöl erinnert, wird nicht anders können, als das zu bejahen. Ob es so gewalttätig kommt, kann man sich ebenso fragen, wie ob das nicht nur Nesbøs ohnehin wenig zimperlicher Fantasie geschuldet ist. Hoffentlich steht der Beweis, wie es kommt, zu meiner Lebenszeit aus, aber genau das erreicht er mit dieser Geschichte: Man erinnert sich, fragt sich, wie weit es unter extremeren Umständen ginge, wegen wie wenig schon Konflikte ausbrechen können, ob die Moral überleben kann, wenn es ums nackte Überleben geht, wie weit manche Menschen bereit sind, zu gehen – töten sie wegen der Entführung eines geliebten Menschen oder schon, weil sie sich um das letzte Stück Brot reißen? Und erleben wir in anderer Ausprägung nicht ohnehin, was die Macht der Reichen uns einbringt? Ja, man muss das Genre aushalten können, noch dazu, ohne zu verzweifeln. Da die Geschichte relativ kurz ist (ca. 200 Seiten, also ohne Längen), kann man das aber auch mal als Denkanstoß. Dass „Insel der Ratten“ an das Potential der eingangs erwähnten Bücher heranreicht, würde ich jedoch nicht unterschreiben.