Harte Kost und nichts für schwache Nerven – erzähltechnisch ganz große Klasse

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sabine236 Avatar

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Schon der erste Eindruck von „Insel der Ratten“ von Jo Nesbø hat mich überrascht – allerdings zunächst nicht nur positiv. Das Buch ist deutlich kleiner und dünner als ein üblicher Roman und umfasst nur etwa 200 Seiten. Auch die Gestaltung des Einbands fand ich ungewohnt: ein recht dicker Kartoneinband, dafür aber keine Schutzfolie. Auf den ersten Blick wirkte das Buch auf mich eher schlicht, fast ein wenig minderwertig. Gerade im Hinblick auf den Preis hätte ich vermutlich gezögert, es spontan zu kaufen.
Beim Lesen hat sich dieser Eindruck allerdings teilweise verändert. Das kleine Format hat nämlich durchaus Vorteile: Das Buch liegt sehr angenehm in der Hand und lässt sich bequem auch mit einer Hand lesen. Durch die kurzen Zeilen und den geringen Textumfang pro Seite entsteht außerdem ein sehr schneller Lesefluss. Gerade dadurch kommt man rasch in die Geschichte hinein.
Anfangs war ich wegen des geringen Umfangs skeptisch. Katastrophen- oder Klimathriller, die ich bisher gelesen habe, waren oft deutlich umfangreicher, teilweise mit über 500 Seiten. Deshalb war ich unsicher, ob mich ein so kurzes Buch wirklich in die Handlung hineinziehen könnte. Diese Sorge war jedoch schnell unbegründet. Die Geschichte packt von Anfang an, vor allem durch ihren ungewöhnlichen Ansatz: Die Katastrophe entwickelt sich nicht erst langsam, sondern die Handlung setzt ein, als ihr Höhepunkt bereits vorbei ist. Im Mittelpunkt steht also nicht der Weg in den Zusammenbruch, sondern der Umgang mit den Folgen. Das fand ich sehr reizvoll und spannend.
Besonders beeindruckt hat mich der Erzählstil. Jo Nesbø arbeitet mit wechselnden Ich-Perspektiven und verschiedenen Zeitebenen. Neben dem normal gedruckten Haupttext gibt es immer wieder kursiv gesetzte Passagen, bei denen zunächst nicht ganz klar ist, wer hier eigentlich spricht und wie diese Perspektive mit der Haupthandlung zusammenhängt. Gerade dieses Rätselhafte hat mir sehr gefallen. Nach und nach verweben sich die unterschiedlichen Perspektiven und Zeitebenen immer stärker miteinander. Das ist erzähltechnisch wirklich großartig gemacht und wirkt trotz der komplexeren Struktur nicht unnötig verwirrend, sondern sehr geschickt konstruiert.
Auch die Wirkung einzelner Szenen ist enorm. Der Autor schafft es, erschütternde Ereignisse darzustellen, ohne jedes Detail auszubreiten. Gerade dadurch entsteht teilweise eine sehr intensive, fast beklemmende Wirkung. Manche Szenen gehören für mich zu den grausamsten, die ich gelesen habe, obwohl sie nicht reißerisch ausgeschrieben werden. Diese erzählerische Zurückhaltung fand ich zunächst sehr stark, weil sie zeigt, wie viel Spannung und Entsetzen auch durch Andeutung entstehen können.
Im weiteren Verlauf wurde mir die Brutalität allerdings fast zu extrem. Was ich anfangs noch als eindrucksvoll und klug dosiert empfunden habe, kippte für mich später etwas. Das Buch ist inhaltlich wirklich harte Kost und definitiv nichts für empfindliche Leserinnen und Leser. Hinzu kam, dass mir eine Figur fehlte, mit der ich mich richtig identifizieren konnte. Die Grundidee, dass zwei ehemalige Jugendfreunde in einen Konflikt geraten, fand ich sehr interessant. Meiner Meinung nach hätte dieser Ansatz aber noch stärker ausgearbeitet werden können.
Trotz dieser Kritik bleibt für mich vor allem die außergewöhnliche Erzähltechnik hängen. Jo Nesbø zeigt hier eindrucksvoll, wie man mit Perspektivwechseln, Zeitsprüngen und Andeutungen Spannung erzeugen kann. Inhaltlich war mir das Buch stellenweise zu brutal und emotional schwer zugänglich, erzählerisch fand ich es aber beeindruckend.
Mein Fazit: „Insel der Ratten“ ist kein Buch für schwache Nerven. Wer brutale, düstere Stoffe nicht gut verträgt, sollte eher vorsichtig sein. Wer jedoch eine ungewöhnlich konstruierte, sprachlich starke und spannungsvoll erzählte Geschichte sucht, bekommt hier ein sehr intensives Leseerlebnis.