Ungewohnt

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pajo47 Avatar

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Wer bei Jo Nesbø einen klassischen Kriminalroman mit Ermittlungen, Spuren und einem Kommissar wie Harry Hole erwartet, wird von Die Insel der Ratten zunächst überrascht sein. Der norwegische Autor verlässt hier weitgehend das vertraute Krimi-Terrain und präsentiert stattdessen einen düsteren Gesellschaftsroman.

Ausgangspunkt ist eine Pandemie, die die bestehende Ordnung zerstört hat. In der Stadt herrschen Chaos und Anarchie. Banden kontrollieren das Leben auf den Straßen. Das Recht des Stärkeren bestimmt den Alltag. In dieser beklemmenden Welt flieht der wohlhabende Colin auf die ehemalige Gefängnisinsel „Insel der Ratten“, während sein Sohn Brad als Anführer einer brutalen Bande selbst Teil des Zusammenbruchs der Gesellschaft geworden ist. Brad entführt mit Hilfe seiner Gang Amy, der Tochter von Colins Freund Will.

Nesbø zeichnet ein erschreckendes Szenario, das gerade deshalb wirkt, weil es nicht völlig unrealistisch erscheint. Die Pandemie dient dabei weniger als eigentliche Bedrohung als vielmehr als Auslöser, der verborgene gesellschaftliche Spannungen sichtbar macht. Im Mittelpunkt stehen Macht, Geld, soziale Ungleichheit und die Frage, wie schnell zivilisatorische Errungenschaften verschwinden können, wenn staatliche Strukturen zusammenbrechen.

Der Roman lebt von seiner düsteren Atmosphäre und den schonungslosen Beobachtungen menschlichen Verhaltens in Extremsituationen. Wer Spannung ausschließlich in Form eines klassischen Kriminalfalls sucht, könnte enttäuscht sein. Wer jedoch bereit ist, sich auf eine finstere Zukunftsvision einzulassen, findet einen nachdenklich stimmenden Roman, der lange nachwirkt.

Ein Buch, das zum Nachdenken anregt und zeigt, dass Nesbø auch außerhalb des Krimigenres eindrucksvolle Geschichten erzählen kann.