Wenn die Moral stirbt

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
joanstef jean Avatar

Von

INSEL DER RATTEN (Ullstein, 25.Juni 2026)

Wenn die Moral stirbt

**Darum wollte ich es lesen:**
Der unverwechselbare Schreibstil von Jo Nesbø spielte vorab eine große Rolle. Schon beim Lesen der Leseprobe ließ mich der Gedanke um diese beklemmende gesellschaftliche Konstellation auf dem Hochhausdach nicht mehr los. Ich wusste sofort: Diese Neugier kann ich nicht mehr abstellen!

**Worum es geht:**

* Eine Pandemie zerstört die Gesellschaft.
* Eliten flüchten auf Hochhausdächer.
* Auf den Straßen herrscht Chaos.
* Wer wird am Ende übrig bleiben?

**Das Cover:**
Das Coverbild ist alles andere als schön anzusehen. Es erinnert an ein großflächiges Feuer, gestaltet wie kleine, lodernde Flammen. Es spielt meisterhaft mit Neugier und Panik. Das durch das Dunkel herausleuchtende Augenpaar ist extrem präsent, ohne dass die Gefahr näher erklärt wird. Ein wirklich beklemmender, unheimlicher Anblick.

**Der Hintergrund zur Story:**
Eine Frage musste ich vorab für mich klären: Wer Nesbøs Werke kennt, weiß, dass er meist sehr ausführlich und ohne Seitenbegrenzung erzählt. Warum hat er also diese kurze Story geschrieben und sein bekanntes Muster verlassen? Meine Recherche zeigte: „Insel der Ratten“ ist im Original eine von fünf Geschichten aus dem 2021 veröffentlichten Band *„Rotteøya og andre fortellinger“*. Der Autor sah sich während der Corona-Pandemie mit der Zerbrechlichkeit unserer Gesellschaft und den damit verbundenen Gefahren konfrontiert. So entstanden fünf Kurzgeschichten mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten.

**Mein Leseerlebnis:**
Der Einstieg fühlt sich an wie ein Kopfsprung direkt in einen kühlen, dunklen See. Du siehst den Boden nicht, springst trotzdem und findest dich plötzlich inmitten einer algigen Umgebung wieder. Genauso erging es mir hier. Ich konnte das Entsetzen der Charaktere förmlich spüren und meine eigenen Gedanken verselbstständigten sich: Wie würde ich in dieser Situation reagieren? Zu welcher Gruppe würde ich mich hingezogen fühlen? Nach welchen Kriterien würde ich meine Schritte leiten und meine Entscheidungen fällen?

Mit erschreckender Klarheit zeichnet der Autor die entsetzlichen Möglichkeiten des gesellschaftlichen Zerfalls. Ich spüre die Atemlosigkeit, hervorgebracht durch die kompromisslosen neuen Regeln dieser harten Zeit. Es ist eine Welt, in der es Mitmenschlichkeit so nicht mehr zu geben scheint. Die Moral ist für immer gestorben, untrennbar verbunden mit der schwindenden Hoffnung für die, die ich liebe.

**Fazit:**
Eine gelungene Dystopie, die keine Fragezeichen übriglässt, sondern kompromisslos alles wirklich Menschliche aufzehrt. Jo Nesbø hat mir hiermit eine völlig neue Qualität dieser Art von Geschichten eröffnet. Ich wäre seinen Protagonisten gern noch länger gefolgt, obwohl er auch in der Kürze alle meine Fragen an mich selbst und an die Erzählung vollkommen stillen konnte. Ein Buch, das mich an meine ureigenen Gedanken zu Fairness, Menschlichkeit und Moral geführt und mich diesen Fragen schonungslos ausgesetzt hat. Eine meisterhafte Kurz-Dystopie, bei der sich mir die Nackenhaare aufgestellt haben und die – obgleich fiktiv – so viele echte Möglichkeiten offenlegt.

Ich vergebe ausgezeichnete **5 Lesesterne** und empfehle diese Lektüre allen Genre-Fans, aber ausdrücklich auch an weiterführende Schulen für Leserunden mit Diskussionen. Dieses Buch hat definitiv das Potenzial, seine Leser tief im Inneren zu berühren und das individuelle Nachdenken anzufeuern.