Zu viel (unnötige) Gewalt und vom Rest zu wenig
Nach einer Pandemie zeigt sich, dass viel schlimmer als ein Virus die Angst der Menschen ist. Die Welt hat sich verändert und bestehende Probleme wurden noch schlimmer. Während Plünderungen und Gewalttaten an die Tagesordnung rücken, versuchen die Reichen sich sichere Stützpunkte zu errichten. So auch Colin Lowe, der in weiser Voraussicht bereits vor Ausbruch der Pandemie die Insel der Ratten gekauft und gesichert hat. Scharfschützen bewachen ihn und seine Familie – mit Ausnahme seines Sohns Brad, der Anführer einer der großen Banden geworden ist. Auch Colins langjähriger Freund, Will, bleibt mit seiner Familie nicht von Brad verschont. Wills Frau wird mehrfach vergewaltigt und seine Tochter Amy entführt. Da Colin dies nicht wahrhaben möchte, beschließt Will selbst für Gerechtigkeit zu sorgen. Denn wie er, selbst Jurist, feststellen muss, ist die Justiz nicht in der Lage gegen den Sohn des Superreichen vorzugehen.
Das Buch hat etwa 200 Seiten – allerdings im Taschenbuchformat, woran auch der Pappdeckel nichts ändert. Es ist also gar nicht verwunderlich, dass das Buch nicht sonderlich in die Tiefe geht. Ebenso wenig überrascht es dann, ganz hinten im Buch zu entdecken, dass es sich eigentlich um eine Kurzgeschichte aus einem Sammelband von 2021 handelt. Nun wurde diese Erzählung also als eigenständiges Buch – mit entsprechendem Preis - veröffentlicht.
Ein Kritikpunkt sind für mich die für ein Buch zu wenig ausgearbeiteten Figuren. Will ließ sich für mich beispielsweise nicht richtig greifen: Glaubt er nun an die Justiz oder nicht? Ist er so gegen Selbstjustiz oder eben nicht? Außerdem bleibt er überraschend gefühlskalt und seine Äußerungen stehen für mich im Kontrast zu dem, was wir als Leser von seinen Gefühlen mitbekommen – insbesondere wenn es um Amy geht. Aber auch andere Figuren wie Wills Frau kaufe ich dem Autor nicht ab: Traumatisiert von der mehrfachen Vergewaltigung, aber nicht traumatisiert genug, um nach einem Gemetzel durch ihren Mann mit ihm zu schlafen. Oder wenn es um die Pandemie geht, die irgendwie schon, irgendwie aber auch nicht Auslöser der ganzen Situation ist: Würden die Gefangenen freigelassen werden, wenn sich die Krankheit zuerst in den Gefängnissen zeigt? Damit die Häftlinge sich nicht so schnell anstecken? Ernsthaft? Und oh Wunder, dann hat sich das Ganze ausgebreitet (S.18)? Zudem ist das Buch oft unnötig brutal. Generell machen mir solche Szenen eigentlich nicht viel aus, sofern sie in die Atmosphäre des Buchs eingebunden, nachvollziehbar dargestellt oder irgendwie später aufgearbeitet werden. Hier wirkten sie auf mich aber eher wie kleine Schocker, um doch ein bisschen Spannung auf die wenigen Seiten zu bekommen. Wie ein Jumpscare in einem schlechten Horrorfilm, damit man nicht einschläft.
Hin und wieder versucht Nesbø philosophische Ideen zu Schuld, Gerechtigkeit, Recht und Strafe einzustreuen. Hier muss ich aber sagen, dass diese Gedankengänge wenig ausgearbeitet wirken. Ich hatte immer wieder das Gefühl, es würde ein (kläglicher) Versuch unternommen, etwas im Stil von Ferdinand von Schirach zu schreiben, dessen Bücher (und auch Kurzgeschichten) ich sehr gerne gelesen habe. Es ist durchaus möglich, solche Themen auch auf etwa 200 Seiten zu behandeln. Jo Nesbø gelingt dies hier aber nicht. Das Preis-Leistungs-Verhältnis finde ich absolut unangemessen. Für mich war dies der erste – und vorerst auch letzte - Nesbø.
Das Buch hat etwa 200 Seiten – allerdings im Taschenbuchformat, woran auch der Pappdeckel nichts ändert. Es ist also gar nicht verwunderlich, dass das Buch nicht sonderlich in die Tiefe geht. Ebenso wenig überrascht es dann, ganz hinten im Buch zu entdecken, dass es sich eigentlich um eine Kurzgeschichte aus einem Sammelband von 2021 handelt. Nun wurde diese Erzählung also als eigenständiges Buch – mit entsprechendem Preis - veröffentlicht.
Ein Kritikpunkt sind für mich die für ein Buch zu wenig ausgearbeiteten Figuren. Will ließ sich für mich beispielsweise nicht richtig greifen: Glaubt er nun an die Justiz oder nicht? Ist er so gegen Selbstjustiz oder eben nicht? Außerdem bleibt er überraschend gefühlskalt und seine Äußerungen stehen für mich im Kontrast zu dem, was wir als Leser von seinen Gefühlen mitbekommen – insbesondere wenn es um Amy geht. Aber auch andere Figuren wie Wills Frau kaufe ich dem Autor nicht ab: Traumatisiert von der mehrfachen Vergewaltigung, aber nicht traumatisiert genug, um nach einem Gemetzel durch ihren Mann mit ihm zu schlafen. Oder wenn es um die Pandemie geht, die irgendwie schon, irgendwie aber auch nicht Auslöser der ganzen Situation ist: Würden die Gefangenen freigelassen werden, wenn sich die Krankheit zuerst in den Gefängnissen zeigt? Damit die Häftlinge sich nicht so schnell anstecken? Ernsthaft? Und oh Wunder, dann hat sich das Ganze ausgebreitet (S.18)? Zudem ist das Buch oft unnötig brutal. Generell machen mir solche Szenen eigentlich nicht viel aus, sofern sie in die Atmosphäre des Buchs eingebunden, nachvollziehbar dargestellt oder irgendwie später aufgearbeitet werden. Hier wirkten sie auf mich aber eher wie kleine Schocker, um doch ein bisschen Spannung auf die wenigen Seiten zu bekommen. Wie ein Jumpscare in einem schlechten Horrorfilm, damit man nicht einschläft.
Hin und wieder versucht Nesbø philosophische Ideen zu Schuld, Gerechtigkeit, Recht und Strafe einzustreuen. Hier muss ich aber sagen, dass diese Gedankengänge wenig ausgearbeitet wirken. Ich hatte immer wieder das Gefühl, es würde ein (kläglicher) Versuch unternommen, etwas im Stil von Ferdinand von Schirach zu schreiben, dessen Bücher (und auch Kurzgeschichten) ich sehr gerne gelesen habe. Es ist durchaus möglich, solche Themen auch auf etwa 200 Seiten zu behandeln. Jo Nesbø gelingt dies hier aber nicht. Das Preis-Leistungs-Verhältnis finde ich absolut unangemessen. Für mich war dies der erste – und vorerst auch letzte - Nesbø.