Zwischen Pandemie, Klassenkampf und Gewaltfantasien
Mit "Insel der Ratten" legt Jo Nesbø einen dystopischen Thriller vor, der am 25.06.2026 bei Ullstein (print) bzw. Hörbuch Hamburg Verlag (Audio) erschienen ist. Die deutsche Übersetzung stammt von Günther Frauenlob. Das Hörbuch wird von Oliver Siebeck und Jenny Laura Bischoff gesprochen.
Die Ausgangslage klingt zunächst vielversprechend: Nach einer verheerenden Pandemie sind Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt weitgehend kollabiert. Armut und Perspektivlosigkeit prägen den Alltag vieler Menschen, während sich die Superreichen in Sicherheit bringen. Als der Unternehmer Colin Lowe mit seiner Familie auf die sogenannte Insel der Ratten flieht und sein Sohn Brad auf dem Festland selbst Teil der Gewaltspirale wird, entfaltet sich eine Geschichte über soziale Ungleichheit, Macht und die Frage, was von einer Gesellschaft übrig bleibt, wenn ihre Grundpfeiler wegbrechen.
Meine Meinung
Ich interessiere mich sehr für moralische Fragestellungen und gesellschaftliche Entwicklungen, daher hat mich das Buch angesprochen. Leider hat es für mich nicht halten können, was es verspricht. Schon bei meinem letzten Jo-Nesbø-Hörbuch, "Der König", hatte ich gemerkt, dass sein Erzählstil nicht wirklich zu meinem Lesegeschmack passt. Eigentlich hatte ich mir damals vorgenommen, vorerst kein weiteres Hörbuch des Autors zu hören. Trotzdem hat mich bei Insel der Ratten das Cover und vor allem die dystopische Prämisse neugierig gemacht. Im Nachhinein hätte ich vermutlich auf mein Bauchgefühl hören sollen.
Mein größtes Problem war, dass mich die Geschichte von Beginn an in eine Welt wirft, die zwar interessant klingt, deren Regeln und Strukturen aber kaum erklärt werden. Statt die gesellschaftlichen Veränderungen, politischen Entwicklungen oder den Zerfall demokratischer Institutionen näher auszuleuchten, setzt die Handlung sehr schnell auf Eskalation und Gewalt. Dabei hatte ich während des Hörens ständig sooo viele Fragen im Kopf: Wie genau ist diese Welt entstanden? Wie funktionieren die gesellschaftlichen Strukturen? Warum haben sich bestimmte Machtverhältnisse so entwickelt? Gerade weil die Prämisse so viele spannende politische und soziale Fragen aufwirft, hätte ich mir deutlich mehr Worldbuilding gewünscht.
Die Handlung springt schnell von einem dramatischen Ereignis zum nächsten, ohne dass man ausreichend Zeit bekommt, sich in der Welt oder zu orientieren, oder die Figuren zu verstehen. Dadurch konnte ich auch keine emotionale Bindung an die Charaktere aufbauen. Die (kurze) Länge des Hörbuchs hat sich daher auch eher zusätzlich als Nachteil erwiesen. Hinzu kommt die aus meiner Sicht unnötig hohe Brutalität. Natürlich darf ein dystopischer Thriller grausam sein. Gerade Geschichten über gesellschaftlichen Zusammenbruch kommen selten ohne Gewalt aus. Aber für mein Gefühl war die hier zur Schau gestellte Brutalität eher Selbstzweck als erzählerische Notwendigkeit.
An den Sprecher:innen lag meine Enttäuschung allerdings nicht. Oliver Siebeck und Jenny Laura Bischoff machen ihre Sache professionell und transportieren die düstere Atmosphäre glaubwürdig. Das Problem ist nur: Auch die beste Vertonung kann einen Inhalt nicht retten, mit dem man selbst wenig anfangen kann.
Fazit
"Insel der Ratten" ist ein Hörbuch, das große gesellschaftliche Fragen stellt und eine erschreckend plausible Zukunftsvision entwirft. Die Grundidee rund um Pandemie, soziale Ungleichheit, demokratischen Verfall und die Abschottung der Superreichen fand ich ausgesprochen spannend. Leider blieb die Umsetzung für mich deutlich hinter diesem Potenzial zurück. Zu wenig Worldbuilding, zu viele offene Fragen, blasse Figuren und eine Brutalität, die mich abgestoßen hat, sorgten dafür, dass ich emotional und gedanklich nie wirklich in die Geschichte hineingefunden habe.
Wer harte dystopische Thriller mit viel Gewalt und düsteren Zukunftsszenarien mag, könnte hier durchaus auf seine Kosten kommen. Wenn ihr jedoch vor allem an moralischen Grauzonen, gesellschaftlichen Fragestellungen und differenzierten Justiz- oder Demokratie-Diskursen interessiert seid, würde ich persönlich eher zu Büchern von Ferdinand von Schirach oder Elisa Hoven greifen.
Vielen Dank an netgalley.de & den Hörbuch Hamburg Verlag für das Rezensionsexemplar.
Die Ausgangslage klingt zunächst vielversprechend: Nach einer verheerenden Pandemie sind Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt weitgehend kollabiert. Armut und Perspektivlosigkeit prägen den Alltag vieler Menschen, während sich die Superreichen in Sicherheit bringen. Als der Unternehmer Colin Lowe mit seiner Familie auf die sogenannte Insel der Ratten flieht und sein Sohn Brad auf dem Festland selbst Teil der Gewaltspirale wird, entfaltet sich eine Geschichte über soziale Ungleichheit, Macht und die Frage, was von einer Gesellschaft übrig bleibt, wenn ihre Grundpfeiler wegbrechen.
Meine Meinung
Ich interessiere mich sehr für moralische Fragestellungen und gesellschaftliche Entwicklungen, daher hat mich das Buch angesprochen. Leider hat es für mich nicht halten können, was es verspricht. Schon bei meinem letzten Jo-Nesbø-Hörbuch, "Der König", hatte ich gemerkt, dass sein Erzählstil nicht wirklich zu meinem Lesegeschmack passt. Eigentlich hatte ich mir damals vorgenommen, vorerst kein weiteres Hörbuch des Autors zu hören. Trotzdem hat mich bei Insel der Ratten das Cover und vor allem die dystopische Prämisse neugierig gemacht. Im Nachhinein hätte ich vermutlich auf mein Bauchgefühl hören sollen.
Mein größtes Problem war, dass mich die Geschichte von Beginn an in eine Welt wirft, die zwar interessant klingt, deren Regeln und Strukturen aber kaum erklärt werden. Statt die gesellschaftlichen Veränderungen, politischen Entwicklungen oder den Zerfall demokratischer Institutionen näher auszuleuchten, setzt die Handlung sehr schnell auf Eskalation und Gewalt. Dabei hatte ich während des Hörens ständig sooo viele Fragen im Kopf: Wie genau ist diese Welt entstanden? Wie funktionieren die gesellschaftlichen Strukturen? Warum haben sich bestimmte Machtverhältnisse so entwickelt? Gerade weil die Prämisse so viele spannende politische und soziale Fragen aufwirft, hätte ich mir deutlich mehr Worldbuilding gewünscht.
Die Handlung springt schnell von einem dramatischen Ereignis zum nächsten, ohne dass man ausreichend Zeit bekommt, sich in der Welt oder zu orientieren, oder die Figuren zu verstehen. Dadurch konnte ich auch keine emotionale Bindung an die Charaktere aufbauen. Die (kurze) Länge des Hörbuchs hat sich daher auch eher zusätzlich als Nachteil erwiesen. Hinzu kommt die aus meiner Sicht unnötig hohe Brutalität. Natürlich darf ein dystopischer Thriller grausam sein. Gerade Geschichten über gesellschaftlichen Zusammenbruch kommen selten ohne Gewalt aus. Aber für mein Gefühl war die hier zur Schau gestellte Brutalität eher Selbstzweck als erzählerische Notwendigkeit.
An den Sprecher:innen lag meine Enttäuschung allerdings nicht. Oliver Siebeck und Jenny Laura Bischoff machen ihre Sache professionell und transportieren die düstere Atmosphäre glaubwürdig. Das Problem ist nur: Auch die beste Vertonung kann einen Inhalt nicht retten, mit dem man selbst wenig anfangen kann.
Fazit
"Insel der Ratten" ist ein Hörbuch, das große gesellschaftliche Fragen stellt und eine erschreckend plausible Zukunftsvision entwirft. Die Grundidee rund um Pandemie, soziale Ungleichheit, demokratischen Verfall und die Abschottung der Superreichen fand ich ausgesprochen spannend. Leider blieb die Umsetzung für mich deutlich hinter diesem Potenzial zurück. Zu wenig Worldbuilding, zu viele offene Fragen, blasse Figuren und eine Brutalität, die mich abgestoßen hat, sorgten dafür, dass ich emotional und gedanklich nie wirklich in die Geschichte hineingefunden habe.
Wer harte dystopische Thriller mit viel Gewalt und düsteren Zukunftsszenarien mag, könnte hier durchaus auf seine Kosten kommen. Wenn ihr jedoch vor allem an moralischen Grauzonen, gesellschaftlichen Fragestellungen und differenzierten Justiz- oder Demokratie-Diskursen interessiert seid, würde ich persönlich eher zu Büchern von Ferdinand von Schirach oder Elisa Hoven greifen.
Vielen Dank an netgalley.de & den Hörbuch Hamburg Verlag für das Rezensionsexemplar.