Eine alles verschlingende Liebe

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Der Brendelhof wirkt wie ein Bauernhof aus dem Bilderbuch. Siegfried und Marianne züchten Rinder, Schafe, Gänse, Hühner, bewirtschaften einen Obst- und Gemüsegarten; und zusätzlich betreibt Siegfried noch ein Sägewerk. Auch wenn Großmutter Frieda und der ehemalige Knecht Alfred tüchtig mit anpacken, scheint es auf dem Hof mehr Arbeit zu geben als die Brendels bewältigen können. Zu DDR-Zeiten hat selbst die Einführung der LPG das Dorf optisch kaum verändert; und gerade findet fern des Hofes die deutsche Wiedervereinigung statt. Siegfried will nun das Land zurückfordern, das mit der Gründung der LPG vom Staat enteignet wurde, und er will den Hof weiter ausbauen. Erzählt wird die Geschichte, die 1990 in der ostdeutschen Provinz spielt, von der sechzehnjährigen Maria. Als Freundin von Johannes Brendel, dem Sohn der Hofbesitzer, war Maria in die Großfamilie aufgenommen worden. Maria scheint einfach auf dem Hof geblieben zu sein. Wer den Lebensunterhalt des Mädchens finanziert, bleibt zunächst unbekannt. Während Johannes in der Schule ist, zieht sich die veträumte Schülerin lieber mit den Brüdern Karamasow zum Lesen zurück als zum Unterricht zu gehen.

 

Großmutter Frieda lebt mit Alfred im ersten Stock des Hauses und hat aus ihrem Fenster die Vorgänge auf dem Hof genauestens im Blick. Maria versucht sich in die ungeschriebenen Regeln auf dem Hof zu finden und wird allmählich als Arbeitskraft anerkannt und geschätzt. Hartmut, Johannes Bruder, haben die Brendels seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen, seit er aus der Haft in den Westen frei gekauft wurde. Nun hat Hartmut sich mit Frau und Kindern zu einem Besuch angekündigt. Vom ältesten Brendel-Sohn Volker wird im Dorf getuschelt, er sei nicht Siegfrieds Sohn. Johannes, den der Vater sich als Nachfolger für den Hof erhofft, entdeckt in diesem Sommer die Fotografie. Von den Vorbereitungen für seine Bewerbungsmappe wird Johannes so in Anspruch genommen, dass er nicht mitbekommt, wieviel Zeit Maria auf dem Nachbarhof bei Henner verbringt. Nachbar Henner besitzt weder Fernsehapparat noch Radio, so dass das ungewöhnliche Liebespaar auf einer Insel fern des Tagesgeschehens lebt. Mit dem stattlichen Henner, der ihr Vater sein könnte, verbindet Maria eine obsessive Liebe. Die Spuren ihrer gewalttätigen Liebesakte hätte Johannes längst bemerken müssen. Erlebt Maria mit Henner gerade das, was sie sich unter Freiheit vorgestellt hat?

 

In nüchterner, beinahe karger Sprache entfaltet Daniela Krien eine ungewöhnliche Liebesgeschichte vor der Kulisse der deutschen Wiedervereinigung. Während außerhalb des Ortes gerade die DDR aufgelöst wird, wirkt der idyllische Brendelhof mit seinen drei Generationen zunächst, als stamme er noch aus der Vorkriegszeit. Maria lebt zu Beginn der Ereignisse wie ein Eindringling in der Familie. Sie muss sich ihren festen Platz im Familiengefüge erarbeiten, indem sie sich nützlich macht. Großmutter Frieda und auch Henner sprechen Maria in sehr ungewöhnlicher Art in der dritten Person an, als wollten sie damit Marias Außenseiterposition im Dorf demonstrieren. Maria verbirgt ihre Gefühle hinter ihren nüchternen Bebachtungen, wie sie auch gegenüber den Gastgebern ihre wahren Gefühle verbirgt. Ungewöhnlich an dem Mädchen fand ich, dass sie sich selbst in ihrer ersten keuschen Beziehung zu einem Jungen nur als Teil eines Paars wahrnehmen konnte. Schon damals hat Maria Normen anderer übernommen und sich ihnen unterworfen. Bewegt haben mich am Schicksal der durch Diktatur und Bespitzelung zerbrochenen Protagonisten die Dinge, die die Autorin nicht oder noch nicht verrät. Wie bei einem Eisberg kann ich nur die Spitze sehen, der größere Teil bleibt verborgen. Warum Maria zu den Brendels kam oder wie sich der Hof gegen die Konkurrenz aus dem Vereinten Europa behaupten könnte, entfaltet sich erst allmählich bei der Suche nach der Vergangenheit der Protagonisten. Ein Roman, dessen Figuren und dessen Sprache bei mir noch lange nachklingen.