Zwischen Erinnerung und Aufbruch

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maison.tania Avatar

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Schon nach wenigen Seiten hatte ich das Gefühl, dass dieser Roman weniger von einer Reise erzählt als von dem Versuch, einen Menschen festzuhalten, bevor er endgültig entschwindet. Die Geschichte beginnt leise, beinahe unspektakulär, und genau darin liegt ihre große Stärke. Sie drängt sich nicht auf, sondern lässt Raum, um den Figuren ganz nah zu kommen.
Besonders beeindruckt hat mich die Erzählerstimme von Liesel. Sie beobachtet ihre Umwelt mit trockenem Humor, manchmal bissig, manchmal selbstironisch, und gerade dadurch wirken ihre Gedanken unglaublich authentisch. Hinter ihren oft lakonischen Bemerkungen verbirgt sich eine tiefe Traurigkeit. Sie lebt zwischen einer Mutter, die kaum noch Kraft für das Leben aufzubringen scheint, und ihrer Großmutter Emmi, deren Erinnerungen nach und nach von der Demenz verschluckt werden. Dabei übernimmt Liesel längst Verantwortung, die eigentlich nie ihre hätte sein dürfen. Dass sie Emmi täglich besucht, ihre Kleidung ordnet, Äpfel mitbringt und versucht, ihre Gedanken zu verstehen, erzählt viel über ihre Liebe, ohne dass der Roman diese ständig aussprechen muss.
Berührt hat mich besonders der Umgang mit Emmis Demenz. Die Krankheit wird weder verklärt noch dramatisiert. Stattdessen zeigt die Leseprobe die vielen kleinen Verschiebungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Mal fragt Emmi, was sie für die Reise einpacken müsse, mal glaubt sie noch immer, ihre Winterjacke liege im Haus in Kudern. Und dann gibt es diese kostbaren Momente, in denen plötzlich Erinnerungen aufblitzen, nur um im nächsten Augenblick wieder zu verschwinden. Gerade diese Unsicherheit macht viele Szenen so schmerzhaft und zugleich so liebevoll.
Im Mittelpunkt steht die geplante Reise nach Ostpreußen beziehungsweise in das heutige Polen. Für Liesel geht es dabei um weit mehr als einen geografischen Ort. Sie möchte Emmis verlorene Heimat noch einmal berühren, Spuren finden, Erinnerungen zurückbringen und verstehen, wo ihre eigene Familiengeschichte ihren Anfang nahm. Besonders schön fand ich den Gedanken, dass sie nicht nur ankommen möchte, sondern die Entfernung bewusst erleben will, die Emmi einst zu Fuß zurücklegen musste. Darin steckt viel Mitgefühl und der Wunsch, Geschichte nicht nur zu kennen, sondern nachzuempfinden.
Sehr gelungen ist auch die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Immer wieder tauchen scheinbar beiläufige Gegenstände auf, die plötzlich eine größere Bedeutung erhalten. Alte Kalender, ein Flügel, ein Parfümflakon oder ein vergessener Kalendereintrag mit den Worten „Tag der Entscheidung.“ Solche kleinen Details erzeugen eine Atmosphäre, in der man ständig das Gefühl hat, dass sich hinter jeder Schublade und jedem Foto eine weitere Geschichte verbirgt.
Auch sprachlich hat mich die Leseprobe überzeugt. Die Sätze wirken leicht und oft überraschend komisch, obwohl sie von Einsamkeit, Verlust und Krankheit erzählen. Besonders gefallen hat mir der Vergleich: „Masuren hat man einfach dickschichtig über Ostpreußen drübergemalt.“ In einem einzigen Bild verdichtet sich die ganze Frage danach, was Geschichte auslöscht und was dennoch bestehen bleibt.
Am Ende der Leseprobe interessiert mich nicht in erster Linie, ob Liesel den vergrabenen Schatz findet oder ihr Ziel erreicht. Viel wichtiger erscheint mir, ob sie unterwegs Antworten findet, die sich auf keiner Landkarte einzeichnen lassen. Antworten auf die Frage, wie Erinnerung bewahrt werden kann, wenn ein Mensch beginnt, sich selbst zu verlieren.
Diese ersten Kapitel erzählen mit viel Wärme, feinem Humor und großer emotionaler Genauigkeit von Familie, Heimat und der Sehnsucht, das Vergangene noch einmal zu berühren. Vor allem aber machen sie neugierig auf eine Reise, die wahrscheinlich nicht nur durch Polen führt, sondern tief hinein in die Geschichte einer Familie.