Die doppelte Liesel sucht das Glück
Es gibt Ideen, die geduldig reifen, Gedanken und Gefühle, die zu Romanen werden. Miriam Burdelski war 2014 in Ostpreußen auf den Fluchtwegen ihrer Großmutter unterwegs. (Die Idee ist nicht neu: Die Autorin Christiane Hoffmann hat den Fluchtweg ihres Vaters abgelaufen, ich habe die Fluchtwege meiner Oma per Auto erkundet) Die vielen Ideen für ein Buch kamen auch bei Miriam Burdelski und gediehen, aber es würde kein Reisebericht werden. Mit „ist doch schön hier“ ist ihr ein fiktiver Roman gelungen, der an ihre Oma erinnert oder an erzählte Geschichte, aber der ihre eigenen fiktiven Protagonisten beherbergt. Das sind Emmi, die Großmutter, Melanie, ihre Tochter, und Liesel, ihre Enkeltochter. Diese Konstellation war es, und die nacherlebte Fluchtgeschichte, die mich zu diesem Buch greifen ließ, auch ich bin aufgewachsen in einem solchen Drei-Frauen-Haushalt, mit Fluchtgeschichten und großen Verlusten im Hintergrund.
Liesel ist es, die uns, den Lesern, ihre Geschichte erzählt. Sie ist gerade 19 Jahre alt, hat mehr schlecht als recht ihr Abitur gemacht, besucht seit kurzem täglich die immer mehr in die Demenz gleitende Großmutter im Seniorenheim und hat zu Hause eine Mutter, die zwischen Apathie, depressiven Schüben und Nichtstun hin- und hergleitet. Diese Mutter Melanie erinnert mich sehr an die Mutterfigur aus „22 Bahnen“ (Caroline Wahl), aber als Protagonistin in Burdelskis Roman erscheint sie noch mehr der Welt entrückt, noch unglücklicher und lebensuntüchtiger. Warum das so ist, dafür muss man schon recht geduldig sein, erst zum Ende hin wird sie die Wahrheit enthüllen, für Liesel und für die Leser.
Zuerst aber formt sich in Liesels Kopf eine Idee, sie will nach Polen reisen, noch weiter über die russische Grenze ins Dorf Kudern, von dem ihr die Großmutter so viel erzählt hat, wo vielleicht sogar ein Schatz verborgen ist. Sie kratzt das Geld zusammen, bekommt von Emmi überraschenderweise noch etwas dazu und beschäftigt sich mit ihren Reiseplänen. Gar nicht so einfach, wenn man noch nie verreist ist, noch nie im Ausland war, da kommt ihr der polnische Altenpfleger Jascha gerade recht. Er ist lustig, aufgeräumt und steht über allen Dingen, nichts wirft ihn aus der Bahn. Die Idee mit der Reise gefällt ihm gut, und noch besser gefällt ihm Liesel. Aus der Idee wird ein Plan und plötzlich ist da Emmi, die will unbedingt mit. Sonnenschein Jascha findet das prima, Liesel ist überrumpelt, zu dritt in einem geborgten Lada geht die Reise tatsächlich los.
Ohne Jascha würde es wohl gar nicht losgegangen sein, nun ist er derjenige, der gemächlich in die Spur geht, mal hier, mal da, man schaut sich um, und er ist derjenige, der dann auch tatkräftig hilft, wenn es um die täglichen Bedürfnisse von Emmi geht. Die drei kommen tatsächlich bis Danzig, es ist ein Roadmovie-Märchen für Erwachsene, das da erzählt wird. Dass die Autorin aus kahlrasierten Grundstücksnachbarn mit hochgekrempelten Ärmeln und Schrott im Garten Nazis macht, war mir hochgradig unsympathisch. „Sie mögen keine Fremden.“ Mag sogar sein, dass es polnische Nazis waren, aber die Penetranz war ermüdend. Wie auch die Freude am Alkohol, die Jascha hat und auslebt. Trotzdem, ab und zu wars schön dort in Polen. Bis das Roadmovie-Märchen auf Seite 279 ein jähes und schreckliches Ende nimmt.
Was danach passiert und welche Geheimnisse enthüllt werden, verrate ich hier nicht. Die Autorin versucht in die letzten hundert Seiten alle Ideen zu packen, mir waren es definitiv einige zu viel. Liesel muss in diesem Buch nicht nur ihr eigenes Leben verarbeiten, sie muss auch begreifen, was falsch gelaufen ist in dem ihrer Oma und ihrer Mutter. „Mangelware. Nichts als Mangelware.“ oder „Ich wünschte, ich wäre auch dement.“ sind einige der Gedanken, die Liesel durch den Kopf gehen. Für mich ist ihr Lebenslauf furchtbar deprimierend.
Mich hat dieses Buch einerseits sehr berührt, die Protagonisten sind lebendig und interessant charakterisiert, die Kindheit und Jugend von Liesel haben mich traurig gemacht. Ich kann verstehen, dass sie in Jascha ihre Sehnsüchte nach Liebe und Geborgenheit fokussiert. So ist der Roman für mich ein Märchen, das letztendlich Wunschdenken bleibt, weil ich es gedanklich kaum in die Wirklichkeit transportieren kann. Auch die Idee, „Alte Menschen brauchen junge Menschen um sich herum. Und umgekehrt! Was das in Gang setzt! Bei beiden beteiligten Gruppen. Davon müsste es viel mehr Institutionen geben.“ ist zwar schön, aber totaler Idealismus.
Der Schreibstil hat mir recht gut gefallen, an manchen Stellen dachte ich jedoch, es wäre eher etwas für die New-Adult-Leser. Trotzdem hat mir das Lesen Spaß gemacht, Liesels Art, die Dinge zu sehen und zu erzählen, fühlte sich von Anfang an sehr authentisch an. Von „Ich wäre gerne ein wohltemperierter Mensch.“ oder „Dem Himmel ist es ziemlich egal, was wir machen.“ bis „Niemand spricht davon, dass auch all das fehlt, was einen jahrelang genervt hat.“ konnte ich mich gut in sie hineinversetzen, auch wenn ihre Worte manchmal sehr viel abgeklärter klangen als die einer Neunzehnjährigen. Aber das macht wohl ihr Leben aus.
Cover und Typografie gefallen mir gut, ein Buch mit Lesebändchen findet immer meine Freude. Das Blau des Einbands und die rotorange Schrift beißen sich etwas, der Schutzumschlag hingegen ist sehr ansprechend, rundherum das Meer und der Strand, dort muss es ja schön sein, was sonst. Auch wenn Liesel zuerst dem Meer misstraut.
Fazit: „Ach Liesel, wie zerbrechlich das Glück ist…“ umfasst das ganze dramatische Geschehen dieses Romans, ich wünsche Liesel viel Glück, auch wenn sie eine Romanfigur ist. Und ich gebe eine Leseempfehlung.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
Liesel ist es, die uns, den Lesern, ihre Geschichte erzählt. Sie ist gerade 19 Jahre alt, hat mehr schlecht als recht ihr Abitur gemacht, besucht seit kurzem täglich die immer mehr in die Demenz gleitende Großmutter im Seniorenheim und hat zu Hause eine Mutter, die zwischen Apathie, depressiven Schüben und Nichtstun hin- und hergleitet. Diese Mutter Melanie erinnert mich sehr an die Mutterfigur aus „22 Bahnen“ (Caroline Wahl), aber als Protagonistin in Burdelskis Roman erscheint sie noch mehr der Welt entrückt, noch unglücklicher und lebensuntüchtiger. Warum das so ist, dafür muss man schon recht geduldig sein, erst zum Ende hin wird sie die Wahrheit enthüllen, für Liesel und für die Leser.
Zuerst aber formt sich in Liesels Kopf eine Idee, sie will nach Polen reisen, noch weiter über die russische Grenze ins Dorf Kudern, von dem ihr die Großmutter so viel erzählt hat, wo vielleicht sogar ein Schatz verborgen ist. Sie kratzt das Geld zusammen, bekommt von Emmi überraschenderweise noch etwas dazu und beschäftigt sich mit ihren Reiseplänen. Gar nicht so einfach, wenn man noch nie verreist ist, noch nie im Ausland war, da kommt ihr der polnische Altenpfleger Jascha gerade recht. Er ist lustig, aufgeräumt und steht über allen Dingen, nichts wirft ihn aus der Bahn. Die Idee mit der Reise gefällt ihm gut, und noch besser gefällt ihm Liesel. Aus der Idee wird ein Plan und plötzlich ist da Emmi, die will unbedingt mit. Sonnenschein Jascha findet das prima, Liesel ist überrumpelt, zu dritt in einem geborgten Lada geht die Reise tatsächlich los.
Ohne Jascha würde es wohl gar nicht losgegangen sein, nun ist er derjenige, der gemächlich in die Spur geht, mal hier, mal da, man schaut sich um, und er ist derjenige, der dann auch tatkräftig hilft, wenn es um die täglichen Bedürfnisse von Emmi geht. Die drei kommen tatsächlich bis Danzig, es ist ein Roadmovie-Märchen für Erwachsene, das da erzählt wird. Dass die Autorin aus kahlrasierten Grundstücksnachbarn mit hochgekrempelten Ärmeln und Schrott im Garten Nazis macht, war mir hochgradig unsympathisch. „Sie mögen keine Fremden.“ Mag sogar sein, dass es polnische Nazis waren, aber die Penetranz war ermüdend. Wie auch die Freude am Alkohol, die Jascha hat und auslebt. Trotzdem, ab und zu wars schön dort in Polen. Bis das Roadmovie-Märchen auf Seite 279 ein jähes und schreckliches Ende nimmt.
Was danach passiert und welche Geheimnisse enthüllt werden, verrate ich hier nicht. Die Autorin versucht in die letzten hundert Seiten alle Ideen zu packen, mir waren es definitiv einige zu viel. Liesel muss in diesem Buch nicht nur ihr eigenes Leben verarbeiten, sie muss auch begreifen, was falsch gelaufen ist in dem ihrer Oma und ihrer Mutter. „Mangelware. Nichts als Mangelware.“ oder „Ich wünschte, ich wäre auch dement.“ sind einige der Gedanken, die Liesel durch den Kopf gehen. Für mich ist ihr Lebenslauf furchtbar deprimierend.
Mich hat dieses Buch einerseits sehr berührt, die Protagonisten sind lebendig und interessant charakterisiert, die Kindheit und Jugend von Liesel haben mich traurig gemacht. Ich kann verstehen, dass sie in Jascha ihre Sehnsüchte nach Liebe und Geborgenheit fokussiert. So ist der Roman für mich ein Märchen, das letztendlich Wunschdenken bleibt, weil ich es gedanklich kaum in die Wirklichkeit transportieren kann. Auch die Idee, „Alte Menschen brauchen junge Menschen um sich herum. Und umgekehrt! Was das in Gang setzt! Bei beiden beteiligten Gruppen. Davon müsste es viel mehr Institutionen geben.“ ist zwar schön, aber totaler Idealismus.
Der Schreibstil hat mir recht gut gefallen, an manchen Stellen dachte ich jedoch, es wäre eher etwas für die New-Adult-Leser. Trotzdem hat mir das Lesen Spaß gemacht, Liesels Art, die Dinge zu sehen und zu erzählen, fühlte sich von Anfang an sehr authentisch an. Von „Ich wäre gerne ein wohltemperierter Mensch.“ oder „Dem Himmel ist es ziemlich egal, was wir machen.“ bis „Niemand spricht davon, dass auch all das fehlt, was einen jahrelang genervt hat.“ konnte ich mich gut in sie hineinversetzen, auch wenn ihre Worte manchmal sehr viel abgeklärter klangen als die einer Neunzehnjährigen. Aber das macht wohl ihr Leben aus.
Cover und Typografie gefallen mir gut, ein Buch mit Lesebändchen findet immer meine Freude. Das Blau des Einbands und die rotorange Schrift beißen sich etwas, der Schutzumschlag hingegen ist sehr ansprechend, rundherum das Meer und der Strand, dort muss es ja schön sein, was sonst. Auch wenn Liesel zuerst dem Meer misstraut.
Fazit: „Ach Liesel, wie zerbrechlich das Glück ist…“ umfasst das ganze dramatische Geschehen dieses Romans, ich wünsche Liesel viel Glück, auch wenn sie eine Romanfigur ist. Und ich gebe eine Leseempfehlung.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.