Eine berührende Spurensuche

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
jori1020 Avatar

Von

Das Motiv ist kein neues: Eine Protagonistin begibt sich auf die Spuren ihrer eigenen Familiengeschichte, reist in die ehemalige Heimat ihrer Vorfahren und versucht dort, Familiengeheimnisse zu ergründen. Das kennen wir aus der jüngeren Vergangenheit unter anderem aus 'Elbland' von Christina Rikl oder 'Die Verlorene' von Miriam Georg. Auch Miriam Burdelskis Romandebüt 'Ist doch schön hier' greift dieses Motiv auf und erzählt daraus eine ebenso berührende wie atmosphärische Geschichte.

Im Mittelpunkt steht Liesel, die Anfang zwanzig ist und versucht, ihr Leben neu zu ordnen. Auf der Suche nach ihren familiären Wurzeln macht sie sich gemeinsam mit ihrer demenzkranken Großmutter Emmi und Jasha, einem Mitarbeiter des Pflegeheims, auf den Weg nach Ostpreußen, in Emmis alte Heimat. Auf diesem ungewöhnlichen Roadtrip vermischen sich Emmis verblassende Erinnerungen an Flucht und Vertreibung im Jahr 1945 mit der Gegenwart. Liesel versucht dabei, die Traumata und verschwiegenen Geheimnisse aufzudecken, die sich über drei Generationen von Frauen ziehen – bis ein Anruf alles verändert.

Mich hat der Roman schon im Vorfeld sehr interessiert, da auch meine Großeltern aus dem ehemaligen Ostpreußen stammen. Umso mehr hat es mich gefreut, dass das Buch meine Erwartungen erfüllen konnte.

Besonders lebt der Roman von seinen Figuren, die ich vom ersten Moment an ins Herz geschlossen habe. Vor allem der Umgang von Liesel und Jasha mit Emmis Demenz ist unglaublich einfühlsam erzählt. Daraus entstehen viele berührende, aber auch überraschend humorvolle Momente. Mal musste ich schmunzeln, wenn Emmi mit ihrer ganz eigenen Logik auf die Welt blickt, mal schlucken, wenn ihre Erinnerungen an Flucht, Verlust und unerfüllte Träume wieder an die Oberfläche kommen. Das Buch ist eine echte Gefühlsachterbahn und hat mir mehr als einmal Tränen in die Augen getrieben.

Auch atmosphärisch konnte mich der Roman vollkommen überzeugen. Beim Lesen spürt man förmlich die Weite der Landschaft, hört das Rauschen der Birkenalleen und meint den Flügelschlag der Störche über den Feldern wahrzunehmen. Für meinen Geschmack hätte es die ein oder andere recht abrupt wirkende Wendung gar nicht gebraucht, die den Roman stellenweise etwas überladen wirkt, dennoch fügt sich am Ende alles zu einer schlüssigen und stimmigen Auflösung zusammen.

'Ist doch schön hier' ist ein warmherziger und bewegender Roman über Erinnerung, Familie und die Frage, wie sehr die Vergangenheit unser heutiges Leben prägt. Für mich eine absolute Leseempfehlung und ein Highlight dieses Bücher-Sommers.