Nicht restlos überzeugt

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ophiosy Avatar

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"Jahresringe" ist ein Buch, das mich in meiner Bewertung ein wenig unentschlossen zurück gelassen hat. Einiges hat der Autor Andreas Wagner in seinem Buchdebut großartig umgesetzt - anderswo hats gehapert.

So ist "Jahresringe" ein Konglomerat aus verschiedensten Themen: Es beschäftigt sich mit Heimat, Vertreibung, Umsiedlung, Akzeptanz von (innerdeutschen) Flüchtlingen, Umweltschutz vs. Kohleabbau und Traditionen vs. Modernität. Diese Vielfalt macht das Buch reizvoll, und auch die Idee, alle diese Themen anhand der Lebensgeschichte der Protagonistin Leonore zu erzählen, habe ich als sehr gelungen empfunden. Wir, also die Leser, begleiten Leonore durch ihr Leben hindurch: Von ihrer Flucht aus dem vom Krieg gebeutelten Ostpreußen als unbegleitete Minderjährige bis hin zu ihrem Lebensherbst als Großmutter zweier Enkel. Nachdem Leonore in Westdeutschland, in einem kleinen Dorf endlich ein neues Zuhause findet, bedroht ein Braunkohletagebau die neu aufgebaute Idylle. Die Dorfbewohner müssen ihre Häuser aufgeben, und ein neues "künstliches" Dorf entsteht, in dem sich die Enkel von Leonore, der Baggerfahrer Jan und die Waldbesetzerin Sarah, auf verschiedene Seiten schlagen. Der Generationenroman wird ergänzend auch aus den Perspektiven von Leonores Sohn und ihren zwei Enkeln erzählt.

Ob es nun an den Perspektivwechseln oder an den zeitlichen Raffungen liegt, zu denen Wagner hier und da greift: Für mich kam beim Lesen wenig Nähe zu den Charakteren auf. Sie wirkten auf mich zu eindimensional gedacht und hatten zu wenige Eigenarten oder komplexe individuelle Meinungen und Verhaltensweisen, als dass ich eine große Sympathie zu ihnen entwickeln konnte. Und während der historische Einstieg atmosphärisch und packend daherkam, geht dem Buch meiner Meinung nach dramaturgisch gegen Mitte/Ende die Puste aus. Trotzdem: Ein Buch, das dazu motiviert, sich mehr mit der Widerstandsbewegung rund um den Hambacher Forst zu beschäftigen, und durch einen sachlichen, präzisen Schreibstil auffällt.