Emotional, aber für mich leider nicht ganz rund

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nancy0705 Avatar

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3,5 Sterne ✨

Für Romy ist ihre Buchhandlung weit mehr als nur ein Arbeitsplatz. Sie ist ihr Rückzugsort, ein Stück Sicherheit und gerade nach dem Tod ihrer Großmutter ein wichtiger Anker in ihrem Leben. Umso härter trifft sie die Nachricht, dass der Laden aufgrund zu geringer Einnahmen vor dem Aus steht und sogar die Kündigung des Mietvertrags droht.
Die Rettung könnte ausgerechnet Max sein, ein gefeierter Social-Media-Star, der die Buchhandlung als Kulisse für seine neue Kampagne nutzen möchte. Doch damit nicht genug: Romy soll ihm auch dabei helfen, ein Buch zu schreiben. Plötzlich treffen zwei völlig unterschiedliche Welten aufeinander. Während Max mit Öffentlichkeit, Aufmerksamkeit und Social Media vertraut ist, sind genau das die Dinge, vor denen Romy am liebsten die Tür verschließen würde. Trotzdem lässt sie sich auf das Abenteuer ein, schließlich steht ihre Buchhandlung auf dem Spiel.
Und vielleicht entdeckt sie dabei nicht nur neue Seiten an sich selbst, sondern wagt es auch, ihr Herz wieder ein Stück weit zu öffnen.


"Jede Seite an dir" von Jana Crämer ist eine Geschichte, die vor allem von ihren wichtigen und tiefgründigen Themen lebt.

Romy als Protagonistin war für mich zunächst eine unglaublich sympathischer und nachvollziehbarer Charakter. Sie ist ruhig, introvertiert, eher in sich gekehrt und fühlt sich in ihrer vertrauten Umgebung am wohlsten. Gerade vor dem Hintergrund ihrer Mobbingerfahrungen aus der Schulzeit und der psychischen Erkrankung ihrer Mutter konnte ich ihre Unsicherheiten und Selbstzweifel gut verstehen. Ihre Ängste, ihr Unwohlsein in bestimmten Situationen und die Komplexe, mit denen sie zu kämpfen hat, fühlten sich für mich größtenteils greifbar und authentisch an. Man merkt, wie sehr ihre Vergangenheit sie geprägt hat und wie schwer es ihr fällt, sich aus diesen alten Denkmustern zu lösen.
Umso schöner fand ich es, sie dabei zu begleiten, wie sie langsam lernt, sich selbst nicht mehr ganz so kritisch zu betrachten und sich von ihren früheren Erfahrungen weniger bestimmen zu lassen. Besonders gut gefallen hat mir, dass dieser Weg nicht geradlinig verläuft. Es gibt Rückschläge, Zweifel und Momente, in denen sie wieder in alte Muster zurückfällt. Genau das hat ihre Entwicklung für mich glaubwürdig gemacht. Veränderung passiert schließlich nicht von heute auf morgen, und ich mochte, dass die Geschichte diesem Prozess Raum gibt.
Allerdings hatte ich mit Romy im weiteren Verlauf auch ein paar Schwierigkeiten. Ihre Unsicherheiten und ihre Vergangenheit nehmen so viel Raum ein, dass mir manchmal etwas mehr von ihrer Persönlichkeit abseits davon gefehlt hat. Ich hätte gerne noch andere Seiten an ihr kennengelernt, die nicht unmittelbar mit ihren Selbstzweifeln oder früheren Erfahrungen zusammenhängen.

Ein echtes Highlight war dafür ihr Opa! Ich mochte ihn unglaublich gerne, und besonders die Beziehung zwischen den beiden fand ich herzallerliebst. Wie er Romy unterstützt und ihr zur Seite steht, hat mir richtig gut gefallen. Auch seine Begeisterung für Social Media, als er diese Welt für sich entdeckt und zu einem der größten Unterstützer von Max und Romy auf ihrer Kampagnenreise wird, fand ich großartig. Das waren für mich einige der schönsten Momente der Geschichte, und er hat mit seiner Art definitiv für zusätzliche Sympathiepunkte gesorgt.

Auch Max hat mich positiv überrascht. Bei einem gefeierten Social-Media-Star hätte man durchaus einen eingebildeten, selbstverliebten Typen erwarten können, doch er war ganz anders. Er begegnet Romy mit viel Verständnis, ist rücksichtsvoll und unterstützt sie, ohne sie ständig aus ihrer Komfortzone drängen zu wollen. Gerade diese einfühlsame Art mochte ich sehr. Die Dynamik zwischen den beiden hatte schöne Momente, und es war interessant zu sehen, wie ihre unterschiedlichen Lebenswelten aufeinanderprallen und sie sich gegenseitig beeinflussen.

Die Thematik rund um Selbstzweifel, persönliche Verletzungen und den Mut, sich anderen Menschen wieder zu öffnen, fand ich grundsätzlich sehr schön und wichtig.
Auch das Setting hat mir gefallen: Die Buchhandlung bringt eine gemütliche, stimmungsvolle Atmosphäre mit, und dazu kommt das weihnachtliche Flair, das der Geschichte einen schönen Rahmen gibt.

Mit der eigentlichen Handlung rund um die Social-Media-Kampagne hatte ich allerdings etwas mehr Schwierigkeiten. Die Idee, eine Buchhandlung durch eine solche Aktion zu retten und dabei gemeinsam ein Buchprojekt auf die Beine zu stellen, fand ich interessant. In der Umsetzung konnte ich das Ganze aber nicht immer richtig greifen. Vieles wirkte auf mich etwas inszeniert und gestellt, sodass mir stellenweise die Natürlichkeit fehlte. Auch die Abläufe und die Dynamik dieser Kampagnenreise konnte ich nicht immer ganz nachvollziehen. Hier hätte ich mir gewünscht, dass die Handlung etwas authentischer und greifbarer gestaltet wird.

Ähnlich ging es mir mit der Liebesgeschichte. Emotional passiert zwischen Romy und Max einiges, und grundsätzlich mochte ich die beiden zusammen. Allerdings ging mir ihre Entwicklung gefühlsmäßig stellenweise etwas zu schnell. Manche Momente waren mir ein bisschen zu viel, bevor ich selbst richtig bei den Gefühlen der Figuren angekommen war. Dadurch konnte der Funke bei mir leider nicht vollständig überspringen, obwohl ich durchaus verstanden habe, was die Geschichte vermitteln möchte.

Auch das Ende war mir persönlich einen Tick zu dramatisch. Ohne zu viel verraten zu wollen, gab es in Bezug auf die scheinbar frühere Bekanntschaft zwischen Max und Romy eine Entwicklung, die ich nicht ganz überzeugend fand. Für mich wirkte das Ganze etwas konstruiert, und ich konnte nicht so recht nachvollziehen, warum Romy bestimmte Zusammenhänge nicht früher bemerkt haben sollte. Dadurch hat sich die Auflösung für mich nicht ganz so stimmig angefühlt, wie ich es mir gewünscht hätte.

Insgesamt habe ich außerdem etwas gebraucht, um richtig in die Geschichte hineinzufinden. Obwohl die emotionalen Themen durchaus Tiefe mitbringen, blieb bei mir immer wieder das Gefühl zurück, dass noch etwas fehlt. Vielleicht hätte ich mir mehr Leichtigkeit zwischen den ernsteren Momenten gewünscht, vielleicht etwas mehr Natürlichkeit in der Handlung oder einfach noch ein paar Facetten mehr von Romy. Auch wirkten Max und Romy auf mich stellenweise jünger, als sie ihrem tatsächlichen Alter nach sein sollten. Das hat mein Gefühl für die Figuren und ihre Lebenssituation ein wenig beeinflusst.

Fazit

"Jede Seite an dir" von Jana Crämer ist eine emotionale Geschichte über Selbstzweifel, alte Verletzungen, persönliche Entwicklung und den Mut, sich wieder auf andere Menschen einzulassen.
Leider konnte mich die Geschichte trotz ihrer wichtigen Themen nicht vollständig überzeugen. Die Gefühle entwickelten sich für mich teilweise zu schnell, die Handlung wirkte stellenweise etwas gestellt und auch das dramatische Ende war nicht ganz mein Fall.
Der Funke ist leider nicht vollständig übergesprungen, auch wenn ich durchaus einige schöne Lesemomente daraus mitnehmen konnte.