bedrückend und beeindruckt

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chaosbunny Avatar

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Douglas Stuart erzählt in „John of John“ von Cal, der aus Edinburgh auf die Hebriden-Insel Harris zurückkehrt, weil seine Großmutter Ella krank ist. Dort trifft er wieder auf seinen Vater John, mit dem ihn eine schwierige, schmerzhafte Beziehung verbindet. Themen wie Homosexualität, familiäre Gewalt, Religion, Männlichkeitsbilder und Selbsthass prägen den Roman.
Das Cover und die Gestaltung wirken passend zum rauen, düsteren Ton des Buches. Besonders stark sind die Beschreibungen des Insellebens. Hier zeigt Stuart viel Atmosphäre und sprachliche Kraft. Auch die Übersetzung von Sophie Zeitz liest sich größtenteils überzeugend.
Die Beziehung zwischen Cal und John wirkt stellenweise konstruiert. Vor allem Cals Verhalten gegenüber seinem gewalttätigen Vater konnte ich nicht immer nachvollziehen. John bleibt als Vaterfigur schwer zugänglich, auch wenn Stuart versucht, seine inneren Konflikte verständlich zu machen.
Überzeugender ist die tragische Liebesgeschichte zwischen John und Innes. Sie wirkt intensiv, glaubwürdig und bildet den emotional stärksten Kern des Romans. Ebenfalls gelungen ist Ella: eine starke, eigensinnige Frauenfigur, die dem männerlastigen Roman viel Wärme gibt.
Kritisch sehe ich die vielen langen Dialoge. Häufig reden die Figuren aneinander vorbei, wodurch der fast 600 Seiten lange Roman streckenweise zäh wirkt. Auch thematisch nimmt sich Stuart sehr viel vor, vielleicht zu viel.
Fazit: „John of John“ ist ein sprachlich starker, aber nicht durchgehend überzeugender Roman über Liebe, Familie, Gewalt und queeres Leben in einer engen Gemeinschaft. Empfehlenswert für Leser*innen, die intensive, düstere Familiengeschichten mögen und sich für queere Literatur interessieren.