Die Wahrheit macht frei

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alasca Avatar

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Cal, Kurzform von John-Calum, hat ein Studium als Textilingenieur abgeschlossen, aber keinen Job gefunden. Sein Vater John ruft ihn zurück nach Hause auf die Insel Harris, weil es seiner Großmutter Ella schlecht geht. Zurück auf Harris ist Cal konfrontiert mit den altbekannten Rollen und einer Nachbarschaft, die auf Kontrolle, Geheimnissen und Gebeten aufgebaut ist.

Cals Heimatort ist so extrem calvinistisch, dass dort noch immer „Sabbatketten“ verwendet werden – Ketten, mit denen Spielgeräte festgebunden werden, um zu verhindern, dass das Spiel der Kinder den Sabbat stört. John ist ein prominentes Mitglied der Kirche, und ein Großteil des täglichen Lebens dreht sich darum, vor den Nachbarn das Gesicht zu wahren. Mit seinen gefärbten Haaren und seiner liberalen Haltung stellt Cal für seinen Vater eine permanente Provokation dar. Er verbirgt seine Homosexualität vor John, ohne zu ahnen, dass dieser ein noch weit größeres Geheimnis hütet. Die Lügen, die John dafür für nötig hält, sind das Gravitationszentrum, das die Lebenslinien aller in seinem Umkreis verzerrt. Wird er den Mut zur Wahrheit aufbringen können?

Der Roman ist bis in die Nebenfiguren glänzend besetzt und zeugt von einer tiefen Menschenkenntnis. Meine Lieblingsfigur war Cals unkonventionelle Großmutter Ella, die den Männern den Haushalt führt. An Ella zeigt Stuart: Sprache stiftet Gemeinschaft oder ist Mittel der Ausgrenzung. Die Figuren sprechen abwechselnd Englisch und Gälisch miteinander, wobei das Gälische durch kursive Schrift symbolisiert wird. Immer, wenn John die aus Glasgow stammende Ella aus dem Gespräch ausschließen will, spricht er Gälisch mit Cal.

Stuart nimmt sich Zeit für die Entwicklung der Handlung und der Figuren. Im Lauf des Romans gewinnen alle Protagonisten permanent an Vielschichtigkeit und Tiefe. Wie man selbst John trotz seines schwierigen Charakters verstehen und mögen lernt, ist schon ein Kabinettstückchen der Figurenzeichnung. Besonders spannend wird es, wenn die Rollen von Vater und Sohn verschwimmen. Aber auch Ellas Charakter hält Überraschungen bereit.

Besonders gefiel mir der Einblick in das Leben der Weber und deren Arbeitsprozess, der seit Generationen derselbe geblieben ist und als Qualitätsmerkmal des Harris-Tweeds auch bleiben muss. Der berühmte Stoff und das Inselleben haben etwas gemeinsam: Von weitem betrachtet erscheinen beide eintönig, aber aus der Nähe vielfarbig und komplex. Auch wenn Stuarts Insulaner der Schönheit ihrer Insel meist gleichgültig gegenüber stehen – der unaufdringlichen Bildhaftigkeit des Autors gelingt es, aus der Insel einen stillen Protagonisten zu machen. Seine Schilderung (und Google) hat mich schon über Reisepläne nachdenken lassen.

Auch wenn es im Roman vor allem um die sensible Darstellung queerer Liebe geht, kommen weibliche Lebenswelten nicht zu kurz. Frauen wird im calvinistischen Kosmos kaum ein Eigenleben zugestanden, aber Stuart vermeidet das Klischee der hilflos unterdrückten Weiblichkeit. Seine Frauenfiguren sind höchst lebendig und authentisch und verstehen es, ihre Wünsche auch gegen das religiöse Diktat zu verwirklichen. Vor allem über Ellas Moves habe ich mich köstlich amüsiert, aber auch Isla, Cals Kindheitsfreundin, hat mich beeindruckt.

Stuart zeigt sich als Meister der Erzählkonstruktion und webt seine Handlungsfäden so geschickt wie ein Harris-Weber. Leben und Sehnsüchte seines Personals sind auf einzigartige Weise miteinander verflochten. Immer wieder gibt es Wendungen, die den Blickwinkel komplett verändern und alles in neuem Licht erscheinen lassen. Dadurch wird der Roman ungemein fesselnd, obwohl – oberflächlich betrachtet – nicht viel passiert. Aber durch die intensiven Innensichten liest der Text sich unglaublich immersiv. Und nicht zuletzt scheint, anders als bei Shuggie Bain und Young Mungo, auf Harris hin und wieder die Sonne durch die dunklen Wolken.

Mit „John of John“ hat Douglas Stuart sich selbst übertroffen – mein bisheriges Lesehighlight des Jahres.