Die Weite des Meeres und die Enge der Insel

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Vier Jahre ist es her, dass der 22-jährige Cal, eigentlich John-Calum Macleod oder auch John of John of Iain of Iain the Breabadair, die Gemeinde Falabay auf der Insel Harris am äußersten Rand Schottlands verlassen hat. Für ein Kunststudium am College in Edinburgh hat er seiner Heimat, den Hebriden, den Rücken zugekehrt und wollte danach nicht mehr zurück. Doch der Gesundheitszustand seiner Großmutter Ella, eigentlich Eleanor Morrison, hat sich scheinbar verschlechtert. Deshalb hat ihn sein Vater John (46), gläubiger Presbyterianer und Diakon der Kirche, zurück nach Hause beordert. Was beide nicht wissen: Sie halten jeweils ein großes Geheimnis vor dem anderen verborgen.

„John of John“ ist ein Roman von Douglas Stuart.

Erzählt wird die Geschichte in 26 Kapiteln aus personaler Perspektive, vorwiegend aus der Sicht von Cal. Der Roman spielt hauptsächlich auf einer kleinen Insel mit einer engen gesellschaftlichen Ordnung.

Das dominierende Thema ist Homosexualität in einem sehr homophoben, religiös geprägten Umfeld. Die Geschichte zeigt auf, was passiert, wenn gleichgeschlechtliche Liebe weder ausgelebt noch akzeptiert wird: das Ausbleiben tiefergehender Gespräche, Geheimniskrämerei, Einsamkeit, emotionale Verletzungen, empfundene Ohnmachtsgefühle und einiges mehr. Dabei liegt der Fokus vor allem auf den innerfamiliären Konflikten und Beziehungen.

Eindrucksvoll bringt der Roman die Kunst des Webens nahe, eine traditionelle, aber auch anspruchsvolle Handarbeit. Er schildert, unter welch‘ recht prekären Umständen der typische Harris-Tweed hergestellt wird. Darüber hinaus beschreibt er anschaulich das karge Inselleben und die raue Natur der Hebriden.

Es sind vor allem die männlichen Figuren, Vater John und Sohn Cal, die die Geschichte dominieren. Zwei Charaktere, die zwar ein wenig klischeehaft wirken, ich aber aufgrund ihrer Fehler und Kanten als interessant empfunden habe.

Auf den rund 550 Seiten entfaltet sich die Geschichte in einem gemächlichem Tempo. Erst nach und nach wird die Vergangenheit von Vater und Sohn ausgebreitet. Zwar hat der Roman mehrere überraschende Momente. Besonders fasziniert hat mich allerdings, wie entschleunigend und berührend die Geschichte ist.

Der Text ist wunderbar unaufgeregt und zugleich sehr eindringlich und atmosphärisch. Immer wieder finden sich tolle Sprachbilder. Gälische Sätze und Einstreuungen, die übersetzt werden, verleihen den Dialogen Authentizität.

Mein Fazit:
Wieder einmal hat es Douglas Stuart geschafft, mich emotional zu bewegen und meinen Horizont zu erweitern. „John of John“ ist ein einnehmender, sehr lesenswerter Roman. Ein Highlight im Frühjahr 2026!