Ein typischer Douglas Stuart – und dann auch wieder nicht

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jori1020 Avatar

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Nachdem in den ersten beiden Romanen von Douglas Stuart, 'Shuggie Bain' und 'Young Mungo', vor allem die städtische Szenerie Glasgows mit ihren prekären Lebensverhältnissen vieler Jugendlicher im Mittelpunkt stand, führt uns sein neuer Roman weit hinaus in eine ebenso raue und trostlose Umgebung: auf die abgelegene Insel Isle of Harris in den Äußeren Hebriden. Hier ist der Protagonist Cal aufgewachsen, und hierher kehrt er nach dem Abbruch seines Studiums in Edinburgh zurück. Diese Rückkehr verläuft jedoch alles andere als reibungslos. Seine Extravaganz, seine verborgene sexuelle Orientierung und seine Unangepasstheit stehen im starken Kontrast zur katholischen Strenge seines Vaters John und zur konservativen Inselgemeinschaft. Doch auch John und viele der anderen Bewohner tragen ihre eigenen Geheimnisse mit sich.

Aus dieser Mischung aus Schweigen, unausgesprochenen Konflikten und der kargen Weite der Insel entsteht ein atmosphärisch dichtes und intensives Porträt einer Familie ebenso wie einer ganzen Inselgemeinschaft. Der Roman vermittelt dabei auch Einblicke in das Leben auf der Insel – von der Schafzucht über das Weben von Tweed bis hin zu den Veränderungen durch Tourismus und Umweltfaktoren.

Typisch für Stuart ist die detailreiche, bildhafte Sprache, die eindrucksvolle Stimmungen erzeugt und zwischen Zartheit und Härte, Nähe und Distanz, Humor und Tristesse pendelt. Besonders hervorzuheben ist zudem die Übersetzung von Sophie Zeitz, der es gelingt, die sprachlichen Besonderheiten und die Atmosphäre der Dialoge sehr überzeugend ins Deutsche zu übertragen.

Mit rund 560 Seiten ist der Roman recht umfangreich und wirkt stellenweise etwas langatmig. Dennoch bin ich gerne dabeigeblieben und habe die Geschichte als intensives und eindrückliches Leseerlebnis wahrgenommen.

Alles in allem ein typischer Roman von Douglas Stuart – und gleichzeitig doch wieder ein ganz eigener.