Homosexualität und dysfunktionale Familien
Der 22-jährige Cal hat sich sein Leben in Edinburgh anders vorgestellt. Beruflich läuft es nicht wie erhofft und auch die große Liebe lässt nach wie vor auf sich warten. Deshalb kommt die Bitte seines Vaters John gar nicht so ungelegen. Cals Großmutter Ella gehe es schlecht, weshalb der junge Mann so bald wie möglich auf die Hebriden-Insel Harris zurückkehren solle. Doch bereits auf der Fähre überkommen Cal erste Zweifel: Wird sein Vater ihn so akzeptieren, wie er ist? Und wie wird das Wiedersehen mit seinem Freund Doll, mit dem er vor Jahren eine sexuelle Beziehung begann?
“John of John” ist der neueste Roman von Douglas Stuart, der vor sechs Jahren mit “Shuggie Bain” den Booker Prize gewann. Der Schotte setzt sich darin nicht nur mit seinem Lebensthema Homosexualität auseinander, sondern nimmt wie in den Vorgängern insbesondere auch die Beziehungen in dysfunktionalen Familien in den Fokus. Erschienen ist die deutsche Übersetzung von Sophie Zeitz bei Hanser Berlin.
Während “Shuggie Bain” vor allem durch Einfühlsamkeit und eine authentische Figurenzeichnung überzeugte, hapert es bei “John of John” bei letzterer doch recht stark. Der Hauptgrund dafür ist vor allem die komplexe Beziehung zwischen Cal und seinem Vater John. Dieser kann seinen Sohn nicht so akzeptieren, wie er ist. Diese lächerlich gefärbten Haare, die zerschlissenen Jeans - so kann man doch einfach nicht rumlaufen. Hinzu kommt, dass John in der strengen presbyterianischen Gemeinde ein hohes Ansehen genießt und dieses auf keinen Fall aufs Spiel setzen möchte. In einer explizit gewaltvollen Szene prügelt dieser furchtbare Vater seinen Sohn windelweich. Problematisch daran ist, dass man es der erwachsenen Figur Cal einfach nicht abnimmt, sich so von seinem Vater demütigen zu lassen. Ein 22-Jähriger, der Punk- und Rockmusik hört, und sich ohne jeglichen Widerstand so schlagen lässt, passt nicht zur Figurenkonstruktion.
Hinzu kommt, dass die zentrale Figur John die Leser in meinen Augen nicht erreicht - zumindest als Vaterfigur. John, der eine vor der Öffentlichkeit versteckte homosexuelle Beziehung mit seinem Freund Innes führt, wird zwischenzeitlich immer wieder als liebender Vater charakterisiert. Stuart möchte offenbar Empathie oder gar Mitleid für ihn wecken. Das funktioniert jedoch nicht, denn John ist in seiner Rolle als Vater ein Totalversager. Sein extrem gewaltvolles Verhalten Cal gegenüber, das offenbar in einer Art Selbsthass begründet ist, macht aus ihm einen durch und durch schrecklichen Vater.
Überzeugender ist hingegen die große homosexuelle Liebe zwischen John und Innes, die das zentrale Thema des fast 600 Seiten starken Romans ist. Zwar lässt Stuart die beiden Männer klischeehaft gemeinsam die “Dornenvögel” schauen oder “Sturmhöhe” lesen, doch man nimmt diesen Figuren mit jeder Silbe ihre unglückliche Liebe ab. Und eigentlich sollte diese tragische Beziehung für den Roman dramatisch genug sein. Deshalb wirkt es doch unglücklich und arg konstruiert, dass sich irgendwann auch Cal in die Onkelfigur Innes verliebt und diesen zu verführen versucht.
Mir hat zudem die Dialoglastigkeit von “John of John” nicht zugesagt. Ständig reden die Figuren in den verschiedensten Konstellationen miteinander und dabei größtenteils aneinander vorbei. So ist es nicht verwunderlich, dass selbst Innes irgendwann entnervt feststellt: “John, ich habe das Reden satt.” Man kann ihm nur beipflichten. Streckenweise erinnerten mich die ausufernden Gespräche sogar an das enorm geschwätzige “Ein wenig Leben” von Hanya Yanagihara.
Dennoch hat “John of John” natürlich auch seine starken Momente. Neben der unglücklichen Liebesgeschichte überzeugt vor allem die Großmutterfigur Ella, die mit allen Wassern gewaschen ist und Cal nicht nur die entlaufene Mutter ersetzt, sondern auch stoisch sämtliche Beleidigungen und Drohungen Johns erträgt. Eine hinreißende Frauenfigur in einem ansonsten stark männerlastigen Roman. Auch sprachlich weiß der Roman größtenteils zu überzeugen, insbesondere in den Beschreibungen des Insellebens, von denen ich im Gegensatz zu den Dialogen gern mehr gelesen hätte. Und auch das Finale überrascht mit seiner unprätentiösen Lässigkeit, die man bei all der vorangegangenen Dramatik so wirklich nicht erwartet hätte und die dadurch emotional viel stärker wirkt.
Insgesamt ist “John of John” ein nur teilweise überzeugender Roman, der sich mit den vielen Themen Homosexualiät, Vater-Sohn-Konflikt, Männlichkeitsvorstellungen, Alkoholismus, Religion und Inselgemeinschaft etwas zu viel vorgenommen hat und vor allem wegen der Dialoge dadurch auch zu lang geraten ist. Dennoch etabliert sich Douglas Stuart mit dem Buch als eine Art Alan Hollinghurst des Prekariats und als wichtige Stimme der queeren Literatur.
“John of John” ist der neueste Roman von Douglas Stuart, der vor sechs Jahren mit “Shuggie Bain” den Booker Prize gewann. Der Schotte setzt sich darin nicht nur mit seinem Lebensthema Homosexualität auseinander, sondern nimmt wie in den Vorgängern insbesondere auch die Beziehungen in dysfunktionalen Familien in den Fokus. Erschienen ist die deutsche Übersetzung von Sophie Zeitz bei Hanser Berlin.
Während “Shuggie Bain” vor allem durch Einfühlsamkeit und eine authentische Figurenzeichnung überzeugte, hapert es bei “John of John” bei letzterer doch recht stark. Der Hauptgrund dafür ist vor allem die komplexe Beziehung zwischen Cal und seinem Vater John. Dieser kann seinen Sohn nicht so akzeptieren, wie er ist. Diese lächerlich gefärbten Haare, die zerschlissenen Jeans - so kann man doch einfach nicht rumlaufen. Hinzu kommt, dass John in der strengen presbyterianischen Gemeinde ein hohes Ansehen genießt und dieses auf keinen Fall aufs Spiel setzen möchte. In einer explizit gewaltvollen Szene prügelt dieser furchtbare Vater seinen Sohn windelweich. Problematisch daran ist, dass man es der erwachsenen Figur Cal einfach nicht abnimmt, sich so von seinem Vater demütigen zu lassen. Ein 22-Jähriger, der Punk- und Rockmusik hört, und sich ohne jeglichen Widerstand so schlagen lässt, passt nicht zur Figurenkonstruktion.
Hinzu kommt, dass die zentrale Figur John die Leser in meinen Augen nicht erreicht - zumindest als Vaterfigur. John, der eine vor der Öffentlichkeit versteckte homosexuelle Beziehung mit seinem Freund Innes führt, wird zwischenzeitlich immer wieder als liebender Vater charakterisiert. Stuart möchte offenbar Empathie oder gar Mitleid für ihn wecken. Das funktioniert jedoch nicht, denn John ist in seiner Rolle als Vater ein Totalversager. Sein extrem gewaltvolles Verhalten Cal gegenüber, das offenbar in einer Art Selbsthass begründet ist, macht aus ihm einen durch und durch schrecklichen Vater.
Überzeugender ist hingegen die große homosexuelle Liebe zwischen John und Innes, die das zentrale Thema des fast 600 Seiten starken Romans ist. Zwar lässt Stuart die beiden Männer klischeehaft gemeinsam die “Dornenvögel” schauen oder “Sturmhöhe” lesen, doch man nimmt diesen Figuren mit jeder Silbe ihre unglückliche Liebe ab. Und eigentlich sollte diese tragische Beziehung für den Roman dramatisch genug sein. Deshalb wirkt es doch unglücklich und arg konstruiert, dass sich irgendwann auch Cal in die Onkelfigur Innes verliebt und diesen zu verführen versucht.
Mir hat zudem die Dialoglastigkeit von “John of John” nicht zugesagt. Ständig reden die Figuren in den verschiedensten Konstellationen miteinander und dabei größtenteils aneinander vorbei. So ist es nicht verwunderlich, dass selbst Innes irgendwann entnervt feststellt: “John, ich habe das Reden satt.” Man kann ihm nur beipflichten. Streckenweise erinnerten mich die ausufernden Gespräche sogar an das enorm geschwätzige “Ein wenig Leben” von Hanya Yanagihara.
Dennoch hat “John of John” natürlich auch seine starken Momente. Neben der unglücklichen Liebesgeschichte überzeugt vor allem die Großmutterfigur Ella, die mit allen Wassern gewaschen ist und Cal nicht nur die entlaufene Mutter ersetzt, sondern auch stoisch sämtliche Beleidigungen und Drohungen Johns erträgt. Eine hinreißende Frauenfigur in einem ansonsten stark männerlastigen Roman. Auch sprachlich weiß der Roman größtenteils zu überzeugen, insbesondere in den Beschreibungen des Insellebens, von denen ich im Gegensatz zu den Dialogen gern mehr gelesen hätte. Und auch das Finale überrascht mit seiner unprätentiösen Lässigkeit, die man bei all der vorangegangenen Dramatik so wirklich nicht erwartet hätte und die dadurch emotional viel stärker wirkt.
Insgesamt ist “John of John” ein nur teilweise überzeugender Roman, der sich mit den vielen Themen Homosexualiät, Vater-Sohn-Konflikt, Männlichkeitsvorstellungen, Alkoholismus, Religion und Inselgemeinschaft etwas zu viel vorgenommen hat und vor allem wegen der Dialoge dadurch auch zu lang geraten ist. Dennoch etabliert sich Douglas Stuart mit dem Buch als eine Art Alan Hollinghurst des Prekariats und als wichtige Stimme der queeren Literatur.