Komplexe Familien und Liebesgeschichte mit Atmosphäre

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Cal MacLeod stammt von einer kleinen Insel auf den äußeren schottischen Hebriden, wo man dem strengen presbyterianischen Glauben anhängt. Junge Leute haben wenig Perspektiven. Die Frauen heiraten und kümmern sich um die Familie, die Männer züchten Schafe oder werden Fischer. Cal ist dieser Enge vor einigen Jahren entkommen, als er zum Studium nach Edinburgh geht. Die ersehnte Kunsthochschule verbot Vater John MacLeod, stattdessen erreicht Cal seinen Abschluss in Textiltechnik. Doch Cal findet auf dem Festland keine Anstellung. Er hat Studienschulden, schlägt sich mit prekären Jobs durch und fühlt sich als Versager. Cals Mutter Grace hat die Familie bereits verlassen, als der Junge 7 Jahre alt war – ein Verlust, der noch immer nachwirkt, auch wenn Großmutter Ella als gute weibliche Seele im Haushalt geblieben ist. Ellas Krankheit ist der Grund dafür, dass Cal aus Edinburgh aufbricht, um Vater und Großmutter zu unterstützen.

Vor beeindruckender Kulisse lernen wir die Menschen und ihr einfaches, traditionelles Leben auf der Insel Harris kennen. Es ist eine eingeschworene Inselgemeinschaft mit festen Ritualen und einer beinahe anarchisch anmutenden Glaubenslehre. Wer aus der Norm fällt, wird konsequent geläutert, geächtet oder verstoßen. Cal ist schwul, was ihn Zeit seines Insellebens mit großer Scham erfüllt und was er bis heute tunlichst verheimlicht. Auch sein Vater John verbirgt Geheimnisse, und es dauert lange, bis Cal ihnen auf den Grund kommt.

Doch neben dem latenten Vater-Sohn-Konflikt werden viele weitere interessante Handlungsstränge eröffnet. Die Familien von Cals Jugendfreunden, seine Mutter mit ihren Kindern aus zweiter Ehe, Johns lebenslanger Freund Innes,… Sie alle lieben die Insel und hadern gleichzeitig mit ihrem Leben. Jede Figur hat Wünsche und Sehnsüchte. Aus dem Zusammenspiel ergibt sich ein fesselndes Panorama mit immer neuen Entwicklungen und Wendungen. Die Charaktergestaltungen weisen Tiefe auf, sie sind vielschichtig angelegt, als Leser kann man Widersprüche, Konflikte und Emotionen sehr gut nachempfinden.

Man spürt Douglas´ Liebe zur Heimat, er weiß, worüber er schreibt, die Naturschilderungen suchen ihresgleichen. Im Zentrum seiner Geschichte stehen eher die Männer in all ihrer Zerrissenheit und Einsamkeit. Frauen übernehmen abgesehen von Ella eher zurückgenommene Rollen. Das Geschehen wirkt authentisch, lebensecht und ungemein fesselnd, die Dialoge passen zum Setting. Dabei wird viel geredet auf der Insel, aber wenig gesagt: Man kennt und versteht sich, versteckt Wesentliches hinter Belanglosigkeiten.
Für mich ist der Roman ein klares 5-Sterne-Buch. Ein bisschen eingetrübt hat sich meine Begeisterung durch die Gestaltung des Endes, weil sich da doch manches zu glatt in die gewollte Richtung entwickelt. Für mich hätten einige Fragen ruhig offenbleiben dürfen. Das hätte zum komplexen Charakter des Buches besser gepasst.

Trotzdem große Leseempfehlung für diesen außergewöhnlich atmosphärischen Roman, dem ich ein großes Publikum wünsche.