Rückkehr nach Harris

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Nach zwei bereits viel beachteten Romanen legt Douglas Stuart mit »John of John« nun ein weiteres Werk vor, das seinen bisherigen Weg als Autor konsequent fortsetzt und zugleich um eine neue Facette bereichert. Im Zentrum steht diesmal die Geschichte von Cal, der als Ausgangspunkt für ein vielschichtiges Geflecht aus Figuren dient, in dem Tradition, soziale Zwänge, gesellschaftliche Konventionen und insbesondere die Religion eine prägende und kaum zu übersehende Rolle spielen.
Während seines Studiums bot sich Cal die Gelegenheit, der Enge seiner Heimatinsel Harris zu entkommen und sich in Edinburgh ein eigenständiges, freieres Leben aufzubauen, das ihm neue Perspektiven eröffnete. Doch nach dem Abschluss wird er aufgrund mangelnder beruflicher Möglichkeiten dazu gezwungen, in sein Elternhaus zurückzukehren, wo ihn eine bedrückende Atmosphäre erwartet, die für ihn kaum auszuhalten ist. Seine Eltern sind geschieden, sodass er fortan wieder bei seinem Vater lebt, doch das Verhältnis zwischen den beiden ist angespannt und von Konflikten geprägt. Der tief religiöse Vater John versucht mit Nachdruck, seinem Sohn seine Werte zu vermitteln und ihn in eine Lebensordnung zu drängen, der Cal sich innerlich nicht gewachsen fühlt. Hinzu kommen die schwierigen äußeren Umstände – die Armut und die körperlich fordernde Arbeit in der Weberei –, die das Leben zusätzlich erschweren. Gleichzeitig trägt Cal eine Sehnsucht in sich, die ihn zurück an die Erfahrungen seiner Zeit in der Großstadt denken lässt, wo er erstmals Nähe und Liebe zu anderen Männern erleben konnte.
Nachdem Douglas Stuart bereits in seinen früheren Romanen eindrucksvoll gezeigt hat, wie feinfühlig er Figuren unter dem Druck gesellschaftlicher Erwartungen zeichnen kann, ist es umso bemerkenswerter, dass ihm dies auch in seinem neuen Werk erneut gelingt. »John of John« ist sorgfältig und überzeugend aufgebaut: Der Roman beginnt mit Cals zögerlicher Rückkehr auf die Insel, und schon nach wenigen Seiten entsteht ein klares Bild seines Innenlebens sowie seiner inneren Zerrissenheit. Von Beginn an liegt eine düstere Vorahnung über der Handlung, da man sich als Leser kaum vorstellen kann, wie Cal dem zunehmenden Druck und der erdrückenden Enge seiner Umgebung standhalten soll. Statt eines plötzlichen dramatischen Umschwungs entfaltet sich die Geschichte jedoch in vielen kleinen Konflikten und Reibungspunkten, die sich nach und nach zuspitzen – nicht selten im direkten Zusammenhang mit seinem Vater, der ihn immer wieder mit seinen Erwartungen konfrontiert.
Dabei vermeidet der Roman konsequent einfache Klischees, denn auch die Nebenfiguren sind vielschichtig angelegt und tragen ihre eigenen Geschichten mit sich, die ihr Verhalten in einem anderen Licht erscheinen lassen. Besonders Cals Vater entwickelt sich zu einer beinahe heimlichen Hauptfigur, deren innere Widersprüche den Text zusätzlich vertiefen: Einerseits übt er Druck auf seinen Sohn aus und treibt ihn in die Enge, andererseits scheint er selbst von einem Wunsch nach Freiheit geprägt zu sein, dem er nie vollständig nachgehen konnte. Gerade in dieser Ambivalenz wird deutlich, wie ähnlich Vater und Sohn einander letztlich sind.
Im Kontext von Douglas Stuarts bisherigen Veröffentlichungen lässt sich »John of John« nicht ganz eindeutig einordnen. Während »Shuggie Bain« als sein bekanntestes Werk den Grundstein für seinen literarischen Erfolg legte und »Young Mungo« mit größerer Härte vor allem gesellschaftliche Themen in den Vordergrund rückte, schlägt der neue Roman einen etwas anderen Ton an. Zwar deutet sich zunächst eine ähnliche thematische Richtung an, doch entwickelt sich die Geschichte zunehmend stärker auf einer persönlichen Ebene und konzentriert sich vor allem auf die komplexen Beziehungen zwischen den Figuren. Gesellschaftliche Aspekte bilden dabei eher den Hintergrund, vor dem sich das eigentliche Drama entfaltet, dessen Kern im Zusammenspiel der Charaktere liegt.
In dieser Hinsicht ist der Roman zweifellos gelungen und stellenweise beeindruckend in seinem feinen Gespür für Figuren und zwischenmenschliche Beziehungen. Douglas Stuart erweist sich einmal mehr als äußerst talentierter Autor, der es versteht, seine Themen zu variieren, auf Nuancen zu achten und diese einem breiten Lesepublikum zu vermitteln.