Schwul sein, wo es nicht erlaubt ist
Es sind die 1990er Jahre, als der 22-jährige Cal nach seinem Kunststudium in der Großstadt und erfolgloser Jobsuche, pleite und obdachlos, aufgrund eines Anrufes seines Vaters, dass die älter werdende Großmutter Unterstützung brauche, in seine Heimat auf die schottische Hebrideninsel Harris zurückkehrt. Auf Harris ist die Familie in eine sehr strenggläubige christliche Gemeinde eingebunden, Vater John hat dort eine wichtige Rolle inne und auch von Cal wird erwartet, sich in der Gemeinde einzubringen und sich vor allem ihren unerbittlichen Regeln insbesondere in Bezug auf Sexualität und Sexualmoral zu unterwerfen.
Abweichendes Verhalten ist nicht vorgesehen und wird verdammt, und besonders verdammenswert sind für diese Gemeinde jene, die „bei einem Mann liegen wie bei einer Frau“, denn das sei, in Bezug auf einzelne Bibelstellen, die für diese Gemeinde sehr viel Bedeutung haben, „dem Herren ein Gräuel“.
Nun, das ist ein großes Problem für Cal, denn Cal ist schwul und das darf hier auf Harris erst einmal keiner wissen, schon gar nicht sein strenger Vater:
„In der Vordertasche steckte eine kostenlose Schwulenzeitschrift – keine Ahnung, warum er sie noch hatte – doch, als er sich nach einem Mülleimer umsah, bekam er Angst, dass der Wind sie aufwirbeln und über die Insel wehen könnte. Er faltete die Zeitung klein und schob sie ins Futter seines Rucksacks, weil er zu dem Schluss kam, dass es sicherer wäre, sie später zu Hause zu verbrennen. Am Ende stopfte er seine schmutzige Wäsche in den Rucksack und krönte das Ganze stolz mit der alten Bibel seiner Mutter.“ (S. 25)
Die Jahre des Studiums fernab der Insel waren eine Zeit der Freiheit und Selbsterkundung für ihn, doch wie soll Cal nun damit umgehen, dass er nun einmal ist, wie er ist, und auch gerne entsprechend leben würde (aber wie einen schwulen Partner finden auf einer Insel, auf der sich kaum jemand dazu zu bekennen traut?).
Außerdem hat Cal eine herausfordernde Beziehung zu seinem Vater John, der ihn zwar auf eine konservativ-verquere Art zu lieben meint, seine künstlerischen Talente sieht und wertschätzt, aber große Angst davor hat, der Sohn könnte mit seinem abweichenden Äußeren und Verhalten zu negativ auffallen und deshalb mit unerbittlicher Strenge gegen jedes abweichende Verhalten des Sohnes vorgeht:
„John hatte einen Jungen, der mit einer Gabe gesegnet war, und das Beste daran war, er hatte eine Gabe für alles, was mit Stoff zu tun hatte, was John das Gefühl gab, sein eigenes Leben wäre keine Verschwendung gewesen. Aber Dundee, Glasgow und Edinburgh stießen bei ihm auf Widerstand. Als Presbyterianer hatte John Macleod zwar eine Hochachtung vor Bildung, aber das College-Leben barg so viel Unbekanntes, und Kunsthochschulen hatten ein Image, das bei ihm moralische Panik auslöste.“ (S. 51)
„Geh nicht zum Inn“, John klopfte auf den Tisch, um Cal zur Aufmerksamkeit zu rufen. „Ich will, dass du mit uns betest. Du bist auf Abwege geraten.“ (S. 79)
Wenn Cal sich den unerbittlichen religiösen Regeln nicht genug unterwirft, beispielsweise, indem er sich nicht so kleidet und die Haare schneidet, wie es von einem „richtigen Mann“ in dieser Gemeinde erwartet wird, kommt es auch schon mal zu brutaler Gewalt des Vaters gegenüber dem erwachsenen Sohn, die letzterer erst einmal unterwürfig über sich ergehen lässt, allerdings später heimlich rebelliert.
Es ist eine tragische Vater-Sohn-Beziehung, die im Zentrum dieses Romans steht. So viel Entfremdung und Gewalt bei zwei Menschen, die sich eigentlich nahestehen könnten und sich auf irgendeine Weise auch lieben.
Aber das ist bei weitem nicht die einzige tragische Beziehung in diesem Roman. Denn, wie wir bald erfahren, ist auch John selbst im Geheimen homosexuell und führt seit langem eine vor allen verborgene Beziehung mit seinem Geliebten Innes, während er nach außen hin den sittenstrengen Vater und glaubensstarken Mann gibt:
„Damals hatte John sich regelmäßig davongestohlen, und für Innes war es ein Fest. Sie unternahmen mit den Hunden unnötig lange Wanderungen, bis sie irgendwo in den Bergen eine Senke fanden, eine trockene Stelle, wo sie vor den Augen der Nachbarn verborgen waren. Die Landschaft war so karg, dass es nicht leicht war, ein Versteck zu finden, aber über die Jahre hatten sie die Orte im Kopf kartiert, an denen sie zusammen sein konnten, und sie erkannten sie an den Blumen, die dort wuchsen, oder an der Felsformation, unter der sie verborgen waren.“ (S. 238)
Im Zentrum der Geschichte stehen also klar diese drei Männer: Cal, John und Innes, doch auch einige sehr interessante Frauen kommen vor und haben durchaus wichtige Rollen in diesem Roman: da ist die nach außen hin duldsame und anpassungsfähige, doch innerlich doch so mutige und clevere Großmutter Ella, Schwiegermutter von John und Oma von Cal, die sich entschieden hat, mit ihrem Schwiegersohn und Enkel zu leben, als ihre Tochter Grace die Familie verlassen hat.
Grace, die in einiger Entfernung mit einem anderen Mann weitere Kinder bekommen hat und vor allen als die böse Ehebrecherin dasteht, die ihren kleinen Sohn zurückgelassen hat, doch ist es wirklich so leicht? Oder auch Isla, eine Jugendfreundin von Cal, blitzgescheit und mit viel Potential, und doch auch selbst mit den Einschränkungen und Rollenbildern der Insel ihre Schwierigkeiten habend.
Das Buch liest sich durchaus angenehm, flüssig und unterhaltsam, die Handlung ist sehr dialoggetrieben, es wird viel miteinander gesprochen und doch oft so wenig wirklich gesagt.
Dem Autor gelingt es meisterhaft, die Entfremdung darzustellen, die sich in zwischenmenschliche Beziehungen einschleichen muss, wenn konservative moralische Normen so rigide und verurteilend sind, dass es nicht mehr möglich ist, so zu leben und sich zu zeigen, wie es der eigenen Identität und dem eigenen Empfinden entspricht.
Dadurch ist es ein aufrüttelndes Buch, das Empathie insbesondere mit queeren Menschen fördert, aber auch mit sonst allen, die nicht in die starren Raster sehr konservativ verstandener Religiosität passen.
Der Autor Douglas Stuart ist selbst mit einem Mann verheiratet und alle seine bisher veröffentlichten Bücher scheinen mit dem Thema Homosexualität zu tun zu haben. Man merkt, dass er weiß, wovon er schreibt. Auch handwerklich ist es ein sehr gutes Buch und atmosphärisch bekommt man viel vom Leben in den 1990ern Jahren auf den Hebriden-Inseln mit, die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander in diesem Umfeld sind tiefgründig, vielschichtig und authentisch dargestellt.
Für mich war es das erste Buch dieses Autors, doch nun bin ich neugierig auf seine anderen Bücher geworden, denn es gefällt mir sehr, wie authentisch, vielschichtig und empathisch er auch Lesenden, für die das Thema vielleicht nicht so nahe an der eigenen Lebenswelt ist, einen literarischen Zugang dazu schafft. Empfehlen kann ich es allen, die sich für ein oft auch traurig machendes, aber dabei tiefgründiges und auf jeden Fall sehr nachdenklich stimmendes Buch zu den Themen Homosexualität, Identität, Vater-Sohn-Beziehung und Zu-sich-selbst-stehen interessieren.
Abweichendes Verhalten ist nicht vorgesehen und wird verdammt, und besonders verdammenswert sind für diese Gemeinde jene, die „bei einem Mann liegen wie bei einer Frau“, denn das sei, in Bezug auf einzelne Bibelstellen, die für diese Gemeinde sehr viel Bedeutung haben, „dem Herren ein Gräuel“.
Nun, das ist ein großes Problem für Cal, denn Cal ist schwul und das darf hier auf Harris erst einmal keiner wissen, schon gar nicht sein strenger Vater:
„In der Vordertasche steckte eine kostenlose Schwulenzeitschrift – keine Ahnung, warum er sie noch hatte – doch, als er sich nach einem Mülleimer umsah, bekam er Angst, dass der Wind sie aufwirbeln und über die Insel wehen könnte. Er faltete die Zeitung klein und schob sie ins Futter seines Rucksacks, weil er zu dem Schluss kam, dass es sicherer wäre, sie später zu Hause zu verbrennen. Am Ende stopfte er seine schmutzige Wäsche in den Rucksack und krönte das Ganze stolz mit der alten Bibel seiner Mutter.“ (S. 25)
Die Jahre des Studiums fernab der Insel waren eine Zeit der Freiheit und Selbsterkundung für ihn, doch wie soll Cal nun damit umgehen, dass er nun einmal ist, wie er ist, und auch gerne entsprechend leben würde (aber wie einen schwulen Partner finden auf einer Insel, auf der sich kaum jemand dazu zu bekennen traut?).
Außerdem hat Cal eine herausfordernde Beziehung zu seinem Vater John, der ihn zwar auf eine konservativ-verquere Art zu lieben meint, seine künstlerischen Talente sieht und wertschätzt, aber große Angst davor hat, der Sohn könnte mit seinem abweichenden Äußeren und Verhalten zu negativ auffallen und deshalb mit unerbittlicher Strenge gegen jedes abweichende Verhalten des Sohnes vorgeht:
„John hatte einen Jungen, der mit einer Gabe gesegnet war, und das Beste daran war, er hatte eine Gabe für alles, was mit Stoff zu tun hatte, was John das Gefühl gab, sein eigenes Leben wäre keine Verschwendung gewesen. Aber Dundee, Glasgow und Edinburgh stießen bei ihm auf Widerstand. Als Presbyterianer hatte John Macleod zwar eine Hochachtung vor Bildung, aber das College-Leben barg so viel Unbekanntes, und Kunsthochschulen hatten ein Image, das bei ihm moralische Panik auslöste.“ (S. 51)
„Geh nicht zum Inn“, John klopfte auf den Tisch, um Cal zur Aufmerksamkeit zu rufen. „Ich will, dass du mit uns betest. Du bist auf Abwege geraten.“ (S. 79)
Wenn Cal sich den unerbittlichen religiösen Regeln nicht genug unterwirft, beispielsweise, indem er sich nicht so kleidet und die Haare schneidet, wie es von einem „richtigen Mann“ in dieser Gemeinde erwartet wird, kommt es auch schon mal zu brutaler Gewalt des Vaters gegenüber dem erwachsenen Sohn, die letzterer erst einmal unterwürfig über sich ergehen lässt, allerdings später heimlich rebelliert.
Es ist eine tragische Vater-Sohn-Beziehung, die im Zentrum dieses Romans steht. So viel Entfremdung und Gewalt bei zwei Menschen, die sich eigentlich nahestehen könnten und sich auf irgendeine Weise auch lieben.
Aber das ist bei weitem nicht die einzige tragische Beziehung in diesem Roman. Denn, wie wir bald erfahren, ist auch John selbst im Geheimen homosexuell und führt seit langem eine vor allen verborgene Beziehung mit seinem Geliebten Innes, während er nach außen hin den sittenstrengen Vater und glaubensstarken Mann gibt:
„Damals hatte John sich regelmäßig davongestohlen, und für Innes war es ein Fest. Sie unternahmen mit den Hunden unnötig lange Wanderungen, bis sie irgendwo in den Bergen eine Senke fanden, eine trockene Stelle, wo sie vor den Augen der Nachbarn verborgen waren. Die Landschaft war so karg, dass es nicht leicht war, ein Versteck zu finden, aber über die Jahre hatten sie die Orte im Kopf kartiert, an denen sie zusammen sein konnten, und sie erkannten sie an den Blumen, die dort wuchsen, oder an der Felsformation, unter der sie verborgen waren.“ (S. 238)
Im Zentrum der Geschichte stehen also klar diese drei Männer: Cal, John und Innes, doch auch einige sehr interessante Frauen kommen vor und haben durchaus wichtige Rollen in diesem Roman: da ist die nach außen hin duldsame und anpassungsfähige, doch innerlich doch so mutige und clevere Großmutter Ella, Schwiegermutter von John und Oma von Cal, die sich entschieden hat, mit ihrem Schwiegersohn und Enkel zu leben, als ihre Tochter Grace die Familie verlassen hat.
Grace, die in einiger Entfernung mit einem anderen Mann weitere Kinder bekommen hat und vor allen als die böse Ehebrecherin dasteht, die ihren kleinen Sohn zurückgelassen hat, doch ist es wirklich so leicht? Oder auch Isla, eine Jugendfreundin von Cal, blitzgescheit und mit viel Potential, und doch auch selbst mit den Einschränkungen und Rollenbildern der Insel ihre Schwierigkeiten habend.
Das Buch liest sich durchaus angenehm, flüssig und unterhaltsam, die Handlung ist sehr dialoggetrieben, es wird viel miteinander gesprochen und doch oft so wenig wirklich gesagt.
Dem Autor gelingt es meisterhaft, die Entfremdung darzustellen, die sich in zwischenmenschliche Beziehungen einschleichen muss, wenn konservative moralische Normen so rigide und verurteilend sind, dass es nicht mehr möglich ist, so zu leben und sich zu zeigen, wie es der eigenen Identität und dem eigenen Empfinden entspricht.
Dadurch ist es ein aufrüttelndes Buch, das Empathie insbesondere mit queeren Menschen fördert, aber auch mit sonst allen, die nicht in die starren Raster sehr konservativ verstandener Religiosität passen.
Der Autor Douglas Stuart ist selbst mit einem Mann verheiratet und alle seine bisher veröffentlichten Bücher scheinen mit dem Thema Homosexualität zu tun zu haben. Man merkt, dass er weiß, wovon er schreibt. Auch handwerklich ist es ein sehr gutes Buch und atmosphärisch bekommt man viel vom Leben in den 1990ern Jahren auf den Hebriden-Inseln mit, die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander in diesem Umfeld sind tiefgründig, vielschichtig und authentisch dargestellt.
Für mich war es das erste Buch dieses Autors, doch nun bin ich neugierig auf seine anderen Bücher geworden, denn es gefällt mir sehr, wie authentisch, vielschichtig und empathisch er auch Lesenden, für die das Thema vielleicht nicht so nahe an der eigenen Lebenswelt ist, einen literarischen Zugang dazu schafft. Empfehlen kann ich es allen, die sich für ein oft auch traurig machendes, aber dabei tiefgründiges und auf jeden Fall sehr nachdenklich stimmendes Buch zu den Themen Homosexualität, Identität, Vater-Sohn-Beziehung und Zu-sich-selbst-stehen interessieren.