Sehnsüchte im Geheimen
Harris Island ist seine Heimat, sein Zuhause, und dennoch fühlt Cal, dass ihm die kleine Insel der Äußeren Hebriden zu eng wird für das, was er sein und werden will, was er fühlt. So macht er sich auf nach Edinburgh, um zu studieren. Die neuen Möglichkeiten überwältigen ihn und bringen ihn auch schnell an seine Grenzen. Doch gerade die Optionen, seine Queerness und seine Sexualität auszuleben, lassen ihn endlich seine Persönlichkeit entfalten. Als ihn sein Vater bittet, nach Hause zurückzukehren, da es Großmutter Ella nicht gut zu gehen scheint, tritt Cal den Heimweg an – inzwischen desillusioniert, da er es nicht so richtig geschafft hat, Teil der Großstadt und der dortigen Pflichten zu werden. Zuhause angekommen prallen Cals neuen Lebensrealitäten auf die seines streng gläubigen Vaters; doch hat nicht nur Cal Geheimnisse vor seinem Vater, sondern genauso andersherum. Er spürt, dass er jemanden braucht, dem er vielleicht vertrauen kann – und meinte diese Person in Innes, dem besten Freund seines Vaters gefunden zu haben. Doch was tun, wenn die Gefühle überkochen und die geheimen Sehnsüchte aller Beteiligten unvereinbar scheinen?
„'Du erzählst es nicht meinem Vater, oder?' Innes hielt sein Handgelenk fest. Er drückte mit dem Daumen auf die blaue Ader. Seine Hände waren rau, aber er hatte lange, elegante Finger, als hätte Gott etwas anderes mit ihm vorgehabt. 'Wie könnte ich?', fragte er. 'Ich wüsste gar nicht, wie.'“ (S. 411)
Nach dem unglaublichen „Shuggie Bain“ und dem ebenso starken Zweitling „Young Mungo“, der eigentlich schon vor dem Debüt fertig geschrieben war, legt Douglas Stuart mit „John of John“ endlich einen neuen Roman vor – und macht schon auf den ersten Seiten mit seinem ganz typischen, die Kargheit der Landschaft und das dörfliche Leben widerspiegelnden Stuart-Ton klar, warum er zu den wahrscheinlich besten zeitgenössischen Geschichtenerzählern gehört.
Der junge Cal, dem schon in seiner Jugend klar wurde, dass er sich eher zu Männern hingezogen fühlt, der aber durch sein Großwerden in einem streng religiösen, dörflichen Umfeld seine Erfahrungen stets im Geheimen machen musste, muss nach seiner Rückkehr nach Harris Island feststellen, dass sich hier eigentlich nichts verändert hat. Auch das angespannte Verhältnis zu seinem Vater, der sich in Cals Kindheit von dessen Mutter getrennt hat, hat sich nicht wirklich gebessert, ist von ständigen Vorhaltungen und auch Gewaltausbrüchen von Johns Seite geprägt. Woher diese unbändige Wut kommt, scheint Cal nicht so ganz klar; er schiebt sie auf die Trennung von Cals Mutter Grace, die sich im Anschluss mit Johns Bruder zusammengetan und eine neue Familie gegründet hat. Doch John führt eigene Kämpfe im Inneren, kann nicht der Mann sein, der eigentlich in ihm steckt: aus Scham, religiöser Betroffenheit, fehlendem Mut. Douglas Stuart konzentriert sich wie auch bei Shuggie und Mungo auf einen jugendlichen Protagonisten, der dieses Mal aber bereits im Erwachsenenalter ist. Die Konflikte zwischen John und Cal erscheinen zunächst wie typische Vater-Sohn-Differenzen, doch weiten sie sich mit dem Gewahrwerden von Johns Geheimnis zu einer Grundsatzproblematik aus, die das Queersein in ländlichen Regionen im Zusammenspiel mit gesellschaftlichen wie religiösen Erwartungshaltungen hinterfragt.
Stuart schafft es für mein Empfinden ein weiteres Mal, Szenen von höchster Emotionalität zu schreiben, die stets neu und einzigartig daherkommen. Auch wenn es in „John of John“ ein paar Szenen gab, die mit einer großen Menge an eher Statist*innen-Personal aufwarteten und dadurch den Plot etwas breit machten, so sind besonders der Beginn wie auch die letzten 200 Seiten von großer emotionaler Dichte und literarischer Klasse. Stuart nimmt uns wieder tief in das Innenleben seiner Figuren mit und schafft eine Intimität, die uns ganz nahe an die Charaktere heranführt. Auch wenn ich nach wie vor „Shuggie Bain“ an die Nummer eins setzen würde: Für mich wieder ein großer Wurf von Douglas Stuart und eine starke Empfehlung!!
„'Du erzählst es nicht meinem Vater, oder?' Innes hielt sein Handgelenk fest. Er drückte mit dem Daumen auf die blaue Ader. Seine Hände waren rau, aber er hatte lange, elegante Finger, als hätte Gott etwas anderes mit ihm vorgehabt. 'Wie könnte ich?', fragte er. 'Ich wüsste gar nicht, wie.'“ (S. 411)
Nach dem unglaublichen „Shuggie Bain“ und dem ebenso starken Zweitling „Young Mungo“, der eigentlich schon vor dem Debüt fertig geschrieben war, legt Douglas Stuart mit „John of John“ endlich einen neuen Roman vor – und macht schon auf den ersten Seiten mit seinem ganz typischen, die Kargheit der Landschaft und das dörfliche Leben widerspiegelnden Stuart-Ton klar, warum er zu den wahrscheinlich besten zeitgenössischen Geschichtenerzählern gehört.
Der junge Cal, dem schon in seiner Jugend klar wurde, dass er sich eher zu Männern hingezogen fühlt, der aber durch sein Großwerden in einem streng religiösen, dörflichen Umfeld seine Erfahrungen stets im Geheimen machen musste, muss nach seiner Rückkehr nach Harris Island feststellen, dass sich hier eigentlich nichts verändert hat. Auch das angespannte Verhältnis zu seinem Vater, der sich in Cals Kindheit von dessen Mutter getrennt hat, hat sich nicht wirklich gebessert, ist von ständigen Vorhaltungen und auch Gewaltausbrüchen von Johns Seite geprägt. Woher diese unbändige Wut kommt, scheint Cal nicht so ganz klar; er schiebt sie auf die Trennung von Cals Mutter Grace, die sich im Anschluss mit Johns Bruder zusammengetan und eine neue Familie gegründet hat. Doch John führt eigene Kämpfe im Inneren, kann nicht der Mann sein, der eigentlich in ihm steckt: aus Scham, religiöser Betroffenheit, fehlendem Mut. Douglas Stuart konzentriert sich wie auch bei Shuggie und Mungo auf einen jugendlichen Protagonisten, der dieses Mal aber bereits im Erwachsenenalter ist. Die Konflikte zwischen John und Cal erscheinen zunächst wie typische Vater-Sohn-Differenzen, doch weiten sie sich mit dem Gewahrwerden von Johns Geheimnis zu einer Grundsatzproblematik aus, die das Queersein in ländlichen Regionen im Zusammenspiel mit gesellschaftlichen wie religiösen Erwartungshaltungen hinterfragt.
Stuart schafft es für mein Empfinden ein weiteres Mal, Szenen von höchster Emotionalität zu schreiben, die stets neu und einzigartig daherkommen. Auch wenn es in „John of John“ ein paar Szenen gab, die mit einer großen Menge an eher Statist*innen-Personal aufwarteten und dadurch den Plot etwas breit machten, so sind besonders der Beginn wie auch die letzten 200 Seiten von großer emotionaler Dichte und literarischer Klasse. Stuart nimmt uns wieder tief in das Innenleben seiner Figuren mit und schafft eine Intimität, die uns ganz nahe an die Charaktere heranführt. Auch wenn ich nach wie vor „Shuggie Bain“ an die Nummer eins setzen würde: Für mich wieder ein großer Wurf von Douglas Stuart und eine starke Empfehlung!!