Über Schuld, Identität und die Folgen lebenslanger Verdrängung
Möglicherweise bin ich ✨etwas✨ biased, aber ich denke mit »John of John« hat Douglas Stuart seinen bislang stärksten Roman vorgelegt! Im Mittelpunkt steht Cal, der auf die Hebrideninsel Harris zurückkehrt, als seine Großmutter Ella schwer erkrankt. Hier in der prekären Einöde einer streng calvinistischen Gemeinschaft, werden die Menschen von Wetter, Arbeit und dem Gerede der Nachbar:innen fremdbestimmt; Schweigen wird zur Überlebensstrategie. Während Cal die eigene Homosexualität vor seinem Vater verbirgt, trägt dieser selbst ein Geheimnis mit sich, das viele Menschen geprägt und nachhaltig verändert hat …
Die Handlung des Romans folgt keinem überraschenden Kurs, seine große Qualität liegt in der Charakterzeichnung: Stuart entwickelt seine Figuren mit bemerkenswerter Geduld und Präzision, sodass sie Seite für Seite an Tiefe und Ambivalenz gewinnen. Besonders eindrucksvoll ist die Figur des Vaters John, der zwar oft schwer zu ertragen ist, zugleich aber so differenziert zwischen religiösem Dogma, Angst und Liebe verortet wird, dass er stets menschlich bleibt. Auch Cal wirkt in seinen Gedanken und Widersprüchen so glaubwürdig wie nahbar, während Großmutter Ella mit Witz, Eigenwilligkeit und Lebensklugheit viele Szenen prägt und sich als heimliche Heldin des Romans erweist.
Sein erzählerisches Können zeigt Stuart auch im Aufbau der Geschichte. Nach und nach verschieben neue Erkenntnisse den Blick auf Figuren und Ereignisse, ohne dass spektakuläre Wendungen nötig wären. Die detailreichen Schilderungen der farbenprächtigen Harris-Tweed-Webereien bilden einen faszinierenden Kontrast zum kargen Inselleben und verleihen dem Roman seine tiefe atmosphärische Dichte: Wie die gewebten Stoffe offenbaren auch die Menschen hier erst bei näherem Hinsehen ihre Vielschichtigkeit.
»John of John« ist ein eindrucksvoll komponierter Familienroman über Schuld, Identität und die Folgen lebenslanger Verdrängung, der emotionale Wucht mit leiser Hoffnung verbindet und von der Schönheit seiner Sprache lebt. Einen wesentlichen Anteil daran hat die hervorragende Übersetzung von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, die Stuarts Sprachrhythmus und seine feinen Zwischentöne überzeugend ins Deutsche übertragen haben.
Lesehighlight!
Die Handlung des Romans folgt keinem überraschenden Kurs, seine große Qualität liegt in der Charakterzeichnung: Stuart entwickelt seine Figuren mit bemerkenswerter Geduld und Präzision, sodass sie Seite für Seite an Tiefe und Ambivalenz gewinnen. Besonders eindrucksvoll ist die Figur des Vaters John, der zwar oft schwer zu ertragen ist, zugleich aber so differenziert zwischen religiösem Dogma, Angst und Liebe verortet wird, dass er stets menschlich bleibt. Auch Cal wirkt in seinen Gedanken und Widersprüchen so glaubwürdig wie nahbar, während Großmutter Ella mit Witz, Eigenwilligkeit und Lebensklugheit viele Szenen prägt und sich als heimliche Heldin des Romans erweist.
Sein erzählerisches Können zeigt Stuart auch im Aufbau der Geschichte. Nach und nach verschieben neue Erkenntnisse den Blick auf Figuren und Ereignisse, ohne dass spektakuläre Wendungen nötig wären. Die detailreichen Schilderungen der farbenprächtigen Harris-Tweed-Webereien bilden einen faszinierenden Kontrast zum kargen Inselleben und verleihen dem Roman seine tiefe atmosphärische Dichte: Wie die gewebten Stoffe offenbaren auch die Menschen hier erst bei näherem Hinsehen ihre Vielschichtigkeit.
»John of John« ist ein eindrucksvoll komponierter Familienroman über Schuld, Identität und die Folgen lebenslanger Verdrängung, der emotionale Wucht mit leiser Hoffnung verbindet und von der Schönheit seiner Sprache lebt. Einen wesentlichen Anteil daran hat die hervorragende Übersetzung von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, die Stuarts Sprachrhythmus und seine feinen Zwischentöne überzeugend ins Deutsche übertragen haben.
Lesehighlight!