Sich emanzipieren: Von Erwartungen, Ängsten, und nicht zuletzt von der Mutter
"In diesem Teich, in dem so viele Frauen vor uns geschwommen waren und auch nach uns schwimmen würden, in ihrem jeweils eigenen Takt, ihrem je eigenen Körper."
Ela hat es aus ihrem Elternhaus heraus in die Welt der Wissenschaft geschafft. Sie steht kurz vor dem Abschluss ihrer Promotion in Literaturwissenschaften, als ihr Körper plötzlich beginnt verrückt zu spielen. Eine Odyssee von Arzt zu Ärztin beginnt, bis Ela anfängt sich einzugestehen, dass die Ursachen für ihre vielen Leiden vielleicht an ganz anderer Stelle zu suchen sind als in der Schilddrüse, dem Darm oder dem Gehirn.
Daniela Dröscher schreibt in ihrem neuen autofiktionalen Roman die Geschichte der Tochter aus "Lügen über meine Mutter" weiter. Die Mutter ist und bleibt auch in diesem Roman eine zentrale Figur: Mit ihr steht und fällt Elas Hyperfixierung auf körperliche Leiden. Es ist ganz klar, irgendetwas stimmt wirklich nicht mit Elas Körper, und bis sie eine zufriedenstellende Diagnose erhält, muss sie von einer Praxis zur nächsten ziehen. Gleichzeitig macht der Roman aber auch eine gravierende gesellschaftliche Entwicklung offenkundig: Das Leiden an psychosomatischen Erkrankungen, die von einem selbstzerstörerischen Lebensstil herrühren. Nie wird im Roman die körperliche Seite dieser Symptome kleingeredet - aber man versteht schnell, dass das nicht das einzige ist, was bei Ela brennt.
Als Doktorandin der Literaturwissenschaft ist sie die erste aus der Familie, die eine akademische Laufbahn hinlegt. Zwar bringt sie die Prüfungsangst vor der Verteidigung fast um, sie leidet ganz klar unter dem Imposter-Syndrom, und sie denkt sie müsse alles perfekt machen, um überhaupt etwas wert zu sein - aber immerhin, sie ist in der Akademia angekommen. Das ist für mich durchaus ein identifizierendes Moment im Buch, da ich ebenso als erste in der Familie studiert habe und gerade meine Promotion abschließe. Allerdings unter völlig anderen Rahmenbedingungen, und mit einem anderen Mindset. Dennoch konnte ich insbesondere Elas Kampf damit nachvollziehen, ob sie den akademischen Berufsweg überhaupt weiter bestreiten will. Ihr Körper gibt ihr eigentlich eindeutige Signale, und ich denke, das ist die größte Botschaft des Buches: Begreife deinen Körper als Freund, als Hinweisgeber, als Partner, der dir die richtigen Dinge schon aufzeigt. Ela beschreitet diesen Weg ängstlich, aber auch mutig, und gewinnt so nach und nach ein wenig Gelassenheit zurück, versteht sich und ihren Körper besser, ist sanfter zu sich selbst. Damit passt das Buch auch wunderbar in unseren Zeitgeist der Selfcare.
Interessant sind auch Elas zwischenmenschliche Beziehungen - mit ihrer Mutter, ihrem Bruder, ihrer besten Freundin Leo, ihrem Bürokollegen O. In allen schwelen Konflikte, bei allen stößt sie auf Unverheiltes, Angegriffenes, Unverstandenes. Lange Zeit ist Elas einzige Strategie "wegschauen". Aber das lassen die anderen Menschen nicht immer zu, und sie muss sich dem stellen, was das Leben eigentlich erst lebenswert macht: Die Beziehungen, die wir führen. Natürlich ist die Emanzipation von der Mutter, gekoppelt mit der erneuten Annäherung auf Augenhöhe, ein zentrales Thema im Buch, das sich aus dem Vorgänger wie ein roter Faden ergibt. Die Mutter schwingt immer im Hintergrund mit.
Somit ist Daniela Dröscher erneut ein fesselnder autofiktionaler Roman gelungen, in dem ich viele identifikatorische Momente hatte. Die tiefe Rührung, die ich bei "Lügen über meine Mutter" empfunden habe, blieb allerdings aus. Auch erzählerisch und stilistisch sticht die Erzählung nicht mit großem Glanz hervor, manche Sätze muten gar etwas kitschig an. Und dennoch, ich habe es sehr gern und sehr flott gelesen und empfehle es allen, die auch den Vorgänger mochten - denn ohne die Geschichte von Ela bleibt auch die der Mutter nie ganz fertig erzählt.
Ela hat es aus ihrem Elternhaus heraus in die Welt der Wissenschaft geschafft. Sie steht kurz vor dem Abschluss ihrer Promotion in Literaturwissenschaften, als ihr Körper plötzlich beginnt verrückt zu spielen. Eine Odyssee von Arzt zu Ärztin beginnt, bis Ela anfängt sich einzugestehen, dass die Ursachen für ihre vielen Leiden vielleicht an ganz anderer Stelle zu suchen sind als in der Schilddrüse, dem Darm oder dem Gehirn.
Daniela Dröscher schreibt in ihrem neuen autofiktionalen Roman die Geschichte der Tochter aus "Lügen über meine Mutter" weiter. Die Mutter ist und bleibt auch in diesem Roman eine zentrale Figur: Mit ihr steht und fällt Elas Hyperfixierung auf körperliche Leiden. Es ist ganz klar, irgendetwas stimmt wirklich nicht mit Elas Körper, und bis sie eine zufriedenstellende Diagnose erhält, muss sie von einer Praxis zur nächsten ziehen. Gleichzeitig macht der Roman aber auch eine gravierende gesellschaftliche Entwicklung offenkundig: Das Leiden an psychosomatischen Erkrankungen, die von einem selbstzerstörerischen Lebensstil herrühren. Nie wird im Roman die körperliche Seite dieser Symptome kleingeredet - aber man versteht schnell, dass das nicht das einzige ist, was bei Ela brennt.
Als Doktorandin der Literaturwissenschaft ist sie die erste aus der Familie, die eine akademische Laufbahn hinlegt. Zwar bringt sie die Prüfungsangst vor der Verteidigung fast um, sie leidet ganz klar unter dem Imposter-Syndrom, und sie denkt sie müsse alles perfekt machen, um überhaupt etwas wert zu sein - aber immerhin, sie ist in der Akademia angekommen. Das ist für mich durchaus ein identifizierendes Moment im Buch, da ich ebenso als erste in der Familie studiert habe und gerade meine Promotion abschließe. Allerdings unter völlig anderen Rahmenbedingungen, und mit einem anderen Mindset. Dennoch konnte ich insbesondere Elas Kampf damit nachvollziehen, ob sie den akademischen Berufsweg überhaupt weiter bestreiten will. Ihr Körper gibt ihr eigentlich eindeutige Signale, und ich denke, das ist die größte Botschaft des Buches: Begreife deinen Körper als Freund, als Hinweisgeber, als Partner, der dir die richtigen Dinge schon aufzeigt. Ela beschreitet diesen Weg ängstlich, aber auch mutig, und gewinnt so nach und nach ein wenig Gelassenheit zurück, versteht sich und ihren Körper besser, ist sanfter zu sich selbst. Damit passt das Buch auch wunderbar in unseren Zeitgeist der Selfcare.
Interessant sind auch Elas zwischenmenschliche Beziehungen - mit ihrer Mutter, ihrem Bruder, ihrer besten Freundin Leo, ihrem Bürokollegen O. In allen schwelen Konflikte, bei allen stößt sie auf Unverheiltes, Angegriffenes, Unverstandenes. Lange Zeit ist Elas einzige Strategie "wegschauen". Aber das lassen die anderen Menschen nicht immer zu, und sie muss sich dem stellen, was das Leben eigentlich erst lebenswert macht: Die Beziehungen, die wir führen. Natürlich ist die Emanzipation von der Mutter, gekoppelt mit der erneuten Annäherung auf Augenhöhe, ein zentrales Thema im Buch, das sich aus dem Vorgänger wie ein roter Faden ergibt. Die Mutter schwingt immer im Hintergrund mit.
Somit ist Daniela Dröscher erneut ein fesselnder autofiktionaler Roman gelungen, in dem ich viele identifikatorische Momente hatte. Die tiefe Rührung, die ich bei "Lügen über meine Mutter" empfunden habe, blieb allerdings aus. Auch erzählerisch und stilistisch sticht die Erzählung nicht mit großem Glanz hervor, manche Sätze muten gar etwas kitschig an. Und dennoch, ich habe es sehr gern und sehr flott gelesen und empfehle es allen, die auch den Vorgänger mochten - denn ohne die Geschichte von Ela bleibt auch die der Mutter nie ganz fertig erzählt.