Durchwachsener Roman

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Ich liebe Geschichten, die in Irland spielen, daher war ich besonders neugierig auf Kala von Colin Walsh (Ü: Andrea O’Brien). Das Buch verspricht Spannung, düstere Geheimnisse und die ganz eigene Magie der westirischen Küstenlandschaft und in gewisser Hinsicht liefert es genau das, auch wenn der Weg dorthin seine Höhen und Tiefen hat.

Die Handlung spielt in der Kleinstadt Kinlough an der Westküste Irlands. Hier treffen drei alte Freunde nach vielen Jahren wieder aufeinander: Helen, Joe und Mush. Ihre gemeinsame Vergangenheit ist untrennbar mit der ungestümen, mutterlosen Kala Lanann verbunden, die im Sommer 2003 das Zentrum ihrer kleinen Clique war. Kala war charismatisch, strahlend und manchmal unberechenbar – und dann verschwand sie plötzlich spurlos. Dieses Verschwinden wirft nun, 15 Jahre später, lange Schatten auf das Leben der drei Freunde.

Helen kehrt widerwillig nach Irland zurück, um an einer Hochzeit teilzunehmen. Joe, inzwischen ein erfolgreicher Musiker, ist ebenfalls in Kinlough, während Mush die Stadt nie verlassen hat und sein Leben hier fest verankert ist. Doch die Rückkehr wird erschüttert: Im Wald werden menschliche Überreste gefunden, die alte Geheimnisse und Schuldgefühle wieder aufleben lassen. Die drei müssen sich ihrer Vergangenheit stellen und der Frage nachgehen, welche Rolle sie tatsächlich bei Kalas Verschwinden gespielt haben.

Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt, wobei die Perspektiven von Joe, Helen und Mush wechseln. Besonders interessant ist, dass Joe seine Sicht in der zweiten Person schildert. Immer wieder springt Walsh in die Vergangenheit, zeichnet die Dynamik der Jugendclique nach und zeigt, wie eng die Freundschaften miteinander verknüpft waren und wie tief Kalas Einfluss auf sie reichte.

Obwohl das Buch als spannender Pageturner angekündigt wird, empfand ich das Lesen als eher wechselhaft. Die ersten 100 Seiten gestalten sich ruhig und ausführlich: Walsh stellt Setting, Protagonist*innen und familiäre Hintergründe vor, füllt die Seiten mit Details zur Kleinstadtatmosphäre und den Konflikten innerhalb der Gruppe. Spannend wird es hier noch nicht, doch die Charaktere gewinnen bereits an Tiefe und die Atmosphäre lässt sich deutlich spüren.

Ab etwa Seite 150 beginnt die Handlung an Fahrt zu gewinnen. Die Rückblicke in die Vergangenheit der Clique vertiefen die Beziehungen untereinander und beleuchten Konflikte und persönliche Probleme. In dieser Phase empfand ich das Buch als besonders fesselnd – die Mischung aus Coming-of-Age, Freundschaft und ersten Liebesbeziehungen zieht einen regelrecht hinein. Danach ebbt das Tempo wieder etwas ab, bevor das letzte Drittel wirklich sehr gut wird. Hier steigert sich die Spannung massiv, die Ereignisse überschlagen sich, und die Auflösung überrascht mit Wendungen, die ich nicht vorhergesehen hatte.

Was "Kala" besonders interessant macht, ist die ungewöhnliche Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte und düsterem Thriller. Neben persönlichen Dramen und jugendlicher Selbstfindung treten mafiöse Strukturen, Korruption und brutale Gewalt in dieser scheinbar idyllischen Kleinstadt hervor. Die Kontraste zwischen der friedlichen Landschaft Irlands und den dunklen Geheimnissen fand ich sehr interessant.

Dennoch konnte mich das Buch nicht vollständig überzeugen. Das Erzähltempo ist teilweise zu langsam, und die ersten 100-150 Seiten ziehen sich in die Länge. Wer jedoch Geduld mitbringt, wird belohnt: Die Charakterentwicklung ist sorgfältig, die Spannung steigt kontinuierlich, und das Finale liefert einen intensiven, überraschenden Abschluss. Insgesamt ist Kala ein Buch, das von seinen Figuren und der Atmosphäre lebt.