Ein neuer irischer Debütant

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Eigentlich hätte sie ja alles ausgehalten, die Freundschaftsbande, die vier jungen Iren in einer Kleinstadt an der Westküste des Landes einst verband. Doch dann kam das Verschwinden – und nun der Tod, der drei der vier einstigen Teenager nun wieder in ihre Heimatstadt zurückführt. Dort müssen sie gemeinsam auf die Leerstelle blicken, die in ihrer brüchig gewordenen Bande klafft.
Der Name dieser Leerstelle lautet Kala, denn sie war es, die die so unterschiedlichen Jugendlichen verband und deren Schicksal die zentrale ist, die Colin Walshs gleichnamiger Debütroman umkreist.

Sterbliche Überreste, so heißt, seien in der Nähe der irischen Kleinstadt Kinloughin gefunden worden. Sterbliche Überreste, die zu allem Überfluss auch noch rituell angeordnet gewesen seien und ein Foto beinhaltet hätten, so munkelt man in der Kleinstadt.

Drei (ehemalige) Bewohner*innen der Stadt triff diese Nachricht besonders, denn sie verband in Jugendtagen eine enge Freundschaft mit der Kala, ebenjener Frau, deren sterbliche Überreste man nun gefunden haben könnte (und es tatsächlich auch hat, wie sich wenig später im Roman herausstellen wird).

Die verschwundene Kala

Doch was ist in jener Zeit passiert, als Kala spurlos verschwand und sich die Band der einstigen vier Freunde auflöste? Dem geht Colin Walshs Roman nach, indem er aus Sicht von Mush, Helen und Joe zurückblickt auf ihre Freundschaft mit Kala, die nun im Jahr 2018 endgültig Geschichte ist.

Schon längst hat das Leben die drei einstigen Freunde auseinandergetrieben. Joe ist als Musiker in Übersee erfolgreich, der nun nach Kinlough zurückkehrt, um dort einen Pub neu zu übernehmen, Helen, mittlerweile Journalistin, kehrt der Hochzeit ihres Vaters wegen aus Quebec zurück in ihre Heimatstadt, nur Mush ist geblieben und betreibtzusammen mit seiner Mutter ein Cafe, in dem vor allem im Sommer zur Hochzeit der Race Week das Geschäft brummt.

Der Warren umgart den Bus. Bäume hat es immer schon gegeben. Knorrige Äste und verzerrte Fratzen lauern, harren. Die Straßen sind immer noch rumpelig, voller Steine und Schlaglöcher.
Ich wollte nie wieder zurückkehren.
Colin Walsh – Kala, S. 31

Rückkehr nach Kinlough

Nun sind sie alle drei also wieder in Kinlough angekommen als die Nachricht von den sterblichen Überresten die Bewohner der Stadt aufschreckt und bei den dreien viele Erinnerungen auslöst. Ans Ankommen in Kinlough, an Freundschaft, erste Liebe, erlebte Abenteuer, aber auch illegale Aktivitäten, mit denen die Jugendlichen konfrontiert waren.

Das liest sich wie eine Art irisches Stand by me, das sich langsam entfaltet, während sich alle drei Figuren zurückerinnern an die Tage, an denen man sich wagemutig mit den Fahrrädern von den Hügeln stürzte und um die Wette fuhr, in den Wäldern umherstreifte und hinter die Geheimnisse der Erwachsenen kam.

Auch erinnert Colin Walshs Erzählen an Joel Dickers Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert, in dem ebenfalls der Fund von sterblichen Überresten Ermittlungen und Erinnerungen an einstige Geschehnisse auslöst. Die Brillanz von dessen verschachtelter Cliffhanger-Montagetechnik zwischen Vergangenheit und erzählerischer Gegenwart beherrscht Colin Walsh leider noch nicht so wirklich.

An manchen Stellen zieht sich das über fünfhunder Seiten starke Buch merklich, wenn der Plot auf der Stelle tritt und zum wiederholten Male die Freundschaft der Jugendlichen verhandelt wird.

Hier zeigte beispielsweise Richard Russo in seinem Roman Jenseits der Erwartungen, wie man mit dem gleichen Plot (drei Freunde, eine in Jugendjahren verschwundene Freundin, die Frage nach den Hintergründen des Verschwindens) deutlich konziser und auch mit mehr Tiefe erzählt. Alle Figuren in Kala vertrügen noch etwas mehr von der charakterlichen Brüchigkeit, die Walshs Landsfrau Megan Nolan in ihrem ebenfalls dieser Tage erschienenen Debüt an den Tag legte.

So ist Kala ein sehr langsam erzählter Roman, der der Freundschaftsbande, aber auch Abhängigkeiten und verhängnisvollem Schweigen nachgeht.

Fazit

Auch wenn der sprachmächtige Auftakt des Romans Erwartungen weckt, die Colin Walshs dreiperspektivisches Erzählen dann nicht ganz einlösen kann, so ist ihm mit Kala doch ein solides Debüt gelungen, das noch etwas Luft nach oben zu anderen, arrivierten Erzählern wie Richard Russo, Tana French oder Joel Dicker lässt.

Der unterhaltsame Roman nimmt sich Zeit, um das Vergangene ebenso wie die Gegenwart zu betrachten und dürfte in seiner Mischung aus Kleinstadtstudie, Cold Case und Freunschaftsbande eine große Zielgruppe ansprechen, eine Platzierung in den Bestsellercharts ist nicht ausgeschlossen.