Teen-Spirit im langen Schatten eines Sommers
Mit seinem Debütroman „Kala“ setzt der junge Autor Colin Walsh seiner Heimat ein kleines Denkmal. Zwar stammt er aus Galway, doch der im Buch als magisch glorifizierte Ort Kinlough liegt ebenso in der Republik Irland, ganz im Norden, an der Grenze zum Vereinigten Königreich. Hier spielt sich das ganze Drama ab, das von Beginn an für Nervenstrapazen sorgt. Eine Gruppe Jugendlicher verbringt in Kinlough einen letzten (weitgehend) unbeschwerten Sommer: Helen, Joe, Mush, Aidan, Aiofe und eben jene Kala, die bald spurlos verschwindet. Sie ist ein Wirbelwind, ein Freigeist und eine Zerrissene, die unter rätselhaften Umständen bei ihrer gleichsam unnahbaren und undurchschaubaren Großmutter aufwächst. Gemeinsam erleben sie das Erwachen ihrer Jugendträume, das Auf und Ab neuer Gefühle und was es heißt, einer Gruppendynamik zu unterliegen. Fünfzehn Jahre später, im Sommer 2018, überschneiden sich die Wege einiger dieser Freunde aufs Neue. Es sind Joe, Helen und Mush, die nun abwechselnd aus ihrem bisherigen und gegenwärtigen Leben berichten. Sie müssen feststellen, dass ihre Bande nicht mehr in der früheren Form existiert. Zu viel ist seit Kalas Verschwinden geschehen. Die alten Verbindungen sind abgerissen, dafür wächst ein Verständnis, das Neuanfänge möglich macht. Sie alle sind auf der Suche nach The Other Place, ein Sehnsuchtsort, der inflationär erwähnt wird. Ein Mythos. Eine Stelle im Leben, die das Paradies darstellen mag. Nur Kalas Fernbleiben schwebt wie ein dunkler Schatten über den ehemaligen Freunden. Als Kalas sterbliche Überreste auf einer Baustelle in Kinlough gefunden werden, reißen alte Wunde auf. Gleichzeitig steigt die Neugier zu erfahren, was damals wirklich geschah. Viele Geheimnisse ranken sich um sie herum, was ihre Ermittlungen erschwert. Sie alle haben Familie, die oft auf schräge Weise ihre Welt verkompliziert. Doch nach und nach bringen sie Licht in die düsteren Geschehnisse. Dabei müssen sie auch mit sich selbst klarkommen. Ihren positiven Gefühlen wie Freundschaft, Liebe, Treue und Verständnis stehen ihre garstigen Stiefschwestern Einsamkeit, Hass, Verrat und Ablehnung gegenüber. Am Ende gelingt es, die Wahrheit zu beleuchten und neue Hoffnung zu schöpfen.
Die erste Hälfte des Romans hat mich völlig vereinnahmt. Obwohl die Handlung nicht reißerisch ist, schafft Walsh es mit seiner herausragenden Schreibweise, eine fortwährende Spannung zu erzeugen, die einen das Buch kaum aus der Hand legen lässt. Nicht ich habe das Buch verschlungen, sondern umgekehrt – es saugte mich nahezu hinein. Die passende Sprache der jungen Erwachsenen, authentische Gefühlswelten, originelle Poetik mit atemberaubenden Metaphern, stilistisch geglückte Experimente (Joes Perspektive ist konsequent in der 2. Person Singular geschrieben und spricht mich als Leser an, als wäre ich selbst dieser Joe) und das Geflecht vieler Geheimnisse, die unbedingt enträtselt werden wollen, halten einen bei der Stange. Geschickt zieht Walsh alle Register, arbeitet mit Cliffhangern, Andeutungen und zunächst unerklärlichen Puzzleteilen, die sich später in ein Gesamtbild fügen lassen. Ein Krimi, der Spaß macht und voller Leben steckt. Das macht ihn größer, zu einem New Adult-Roman, der mit der Frage spielt, was Freundschaft und Vertrauen ausmacht. Was bleibt, wenn die Zeit verstreicht. Und welche Schritte man zu gehen hat, um seine Ziele zu erreichen. Die Drei eint das Verlangen, den Windfang Kala zu verstehen, zumindest im Nachhinein, wenn es ihnen vor fünfzehn Jahren nicht geglückt war. Und dann, ihr beizustehen. Zumindest, in dem sie ihren wahren Mörder zur Strecke bringen. Ab der zweiten Hälfte des Buchs nimmt der raue Ton in diesem irischen Landstrich beträchtlich zu. Auch die Gewaltszenen schrauben sich in einem manchmal unerträglichen Maß in die Höhe. Leserinnen und Leser, die solche Szenen meiden, seien gewarnt. Die aufgebrachten Reaktionen der Protagonisten strotzen vor Kraftausdrücken, die äußerst brutalen Prügeleinlagen machen weder vor Tier noch Mensch halt. Dennoch sind diese Abschnitte stimmig und ließen mich an die schonungslosen Bostoner Stories von Denis Lehane denken. Nichts für schwache Nerven, aber ein ruppiger Sound, dem ich eine gewisse Ehrlichkeit bescheinige. Etwas kritisch sei angemerkt, dass sich die Auflösung erst auf etlichen Umwegen ergibt. Zu oft greift Walsh zu Spannungsinstrumenten, abgerissene Telefonate hier, erschreckte Ausrufe zum Kapitelende dort. Dies zerrt an der Spannungssaite bis zum Zerreißen, dürfte aber auch den Geduldsfaden bei dem einen oder der anderen überstrapazieren.
Insgesamt ein sehr gelungenes Debüt, das ich Fans von Joël Dicker (Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert) und von Liz Moore (Der Gott des Waldes) wärmstens ans Herz lege. Ich wünsche mir, noch viel mehr interessante Stories aus der Feder von Walsh zu lesen. Dieser Autor hat Ideen, Charme und – am Wichtigsten – Mut, diese auch um- und einzusetzen.
Für mich 4,8 von 5 Sternen über Kinlough – The Other Place.
Die erste Hälfte des Romans hat mich völlig vereinnahmt. Obwohl die Handlung nicht reißerisch ist, schafft Walsh es mit seiner herausragenden Schreibweise, eine fortwährende Spannung zu erzeugen, die einen das Buch kaum aus der Hand legen lässt. Nicht ich habe das Buch verschlungen, sondern umgekehrt – es saugte mich nahezu hinein. Die passende Sprache der jungen Erwachsenen, authentische Gefühlswelten, originelle Poetik mit atemberaubenden Metaphern, stilistisch geglückte Experimente (Joes Perspektive ist konsequent in der 2. Person Singular geschrieben und spricht mich als Leser an, als wäre ich selbst dieser Joe) und das Geflecht vieler Geheimnisse, die unbedingt enträtselt werden wollen, halten einen bei der Stange. Geschickt zieht Walsh alle Register, arbeitet mit Cliffhangern, Andeutungen und zunächst unerklärlichen Puzzleteilen, die sich später in ein Gesamtbild fügen lassen. Ein Krimi, der Spaß macht und voller Leben steckt. Das macht ihn größer, zu einem New Adult-Roman, der mit der Frage spielt, was Freundschaft und Vertrauen ausmacht. Was bleibt, wenn die Zeit verstreicht. Und welche Schritte man zu gehen hat, um seine Ziele zu erreichen. Die Drei eint das Verlangen, den Windfang Kala zu verstehen, zumindest im Nachhinein, wenn es ihnen vor fünfzehn Jahren nicht geglückt war. Und dann, ihr beizustehen. Zumindest, in dem sie ihren wahren Mörder zur Strecke bringen. Ab der zweiten Hälfte des Buchs nimmt der raue Ton in diesem irischen Landstrich beträchtlich zu. Auch die Gewaltszenen schrauben sich in einem manchmal unerträglichen Maß in die Höhe. Leserinnen und Leser, die solche Szenen meiden, seien gewarnt. Die aufgebrachten Reaktionen der Protagonisten strotzen vor Kraftausdrücken, die äußerst brutalen Prügeleinlagen machen weder vor Tier noch Mensch halt. Dennoch sind diese Abschnitte stimmig und ließen mich an die schonungslosen Bostoner Stories von Denis Lehane denken. Nichts für schwache Nerven, aber ein ruppiger Sound, dem ich eine gewisse Ehrlichkeit bescheinige. Etwas kritisch sei angemerkt, dass sich die Auflösung erst auf etlichen Umwegen ergibt. Zu oft greift Walsh zu Spannungsinstrumenten, abgerissene Telefonate hier, erschreckte Ausrufe zum Kapitelende dort. Dies zerrt an der Spannungssaite bis zum Zerreißen, dürfte aber auch den Geduldsfaden bei dem einen oder der anderen überstrapazieren.
Insgesamt ein sehr gelungenes Debüt, das ich Fans von Joël Dicker (Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert) und von Liz Moore (Der Gott des Waldes) wärmstens ans Herz lege. Ich wünsche mir, noch viel mehr interessante Stories aus der Feder von Walsh zu lesen. Dieser Autor hat Ideen, Charme und – am Wichtigsten – Mut, diese auch um- und einzusetzen.
Für mich 4,8 von 5 Sternen über Kinlough – The Other Place.