Zu viel Mythos, zu wenig Figur

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Kala von Colin Walsh erzählt von einer Gruppe Jugendfreunde, die Jahre nach dem Verschwinden ihrer charismatischen Freundin Kala in ihre irische Heimatstadt zurückkehren. Alte Dynamiken, Erinnerungen und ungelöste Fragen holen sie ein, während sich langsam entfaltet, was damals wirklich passiert sein könnte.

Trotz dieser eigentlich sehr spannenden Ausgangsidee hat mich das Buch leider nicht wirklich überzeugt. Mein größtes Problem war der Erzählstil. Die vielen Perspektivwechsel und die teilweise fragmentierte Erzählweise haben bei mir eher Distanz erzeugt, statt Spannung aufzubauen. Ich hatte oft das Gefühl, nicht richtig in die Geschichte hineinzufinden. Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass das ein sehr persönliches Problem sein kann. Ich kann mir gut vorstellen, dass andere Leserinnen und Leser gerade diese Art des Erzählens interessant oder atmosphärisch finden.

Was mich allerdings deutlich mehr gestört hat, war die Darstellung der Frauenfiguren. Viele von ihnen wirkten auf mich relativ eindimensional, und besonders der starke Personenkult um Kala selbst hat mich zunehmend genervt. Sie wird immer wieder als diese geheimnisvolle, besondere Figur beschrieben, als jemand, der irgendwie „anders als die anderen“ ist. Für mich hatte das stellenweise einen deutlichen „she’s not like other girls“- beziehungsweise Pick-me-Vibe. Diese Art von Frauenfigur fühlt sich für mich inzwischen einfach ziemlich überholt an.

Hinzu kommt, dass Kala selbst oft eher wie eine Projektionsfläche wirkt als wie eine eigenständige Figur. Der Blick auf sie kommt hauptsächlich von außen, durch die Erinnerungen und Fantasien der anderen, besonders der männlichen Figuren. Dadurch hatte ich beim Lesen immer wieder das Gefühl eines klassischen Male Gaze: Kala wird bewundert, erinnert und idealisiert, bleibt aber selbst erstaunlich konturlos.

Irgendwann musste ich außerdem immer wieder an eine erwachsene Version von Margos Spuren denken. Auch dort verschwindet ein mysteriöses Mädchen, das für die anderen zu einer Art Mythos wird. Während diese Dynamik in einer Coming-of-Age-Geschichte noch gut funktioniert, wirkte sie hier für mich teilweise etwas abgegriffen.

Trotzdem ist Kala kein schlechtes Buch. Die Atmosphäre der irischen Kleinstadt ist dicht und stimmungsvoll, und die Idee, wie eine gemeinsame Vergangenheit eine Freundesgruppe über Jahre prägen kann, hat definitiv Potenzial. Für mich persönlich blieb der Roman am Ende aber etwas hinter seinen Möglichkeiten zurück, vor allem wegen des Erzählstils und der Figurenzeichnung.