"Mag`, das alles Regeln hat!"

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juleliebtlesen Avatar

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Kaskaden beginnt rau, direkt und innerlich zerrissen. Schon auf den ersten Seiten ist da eine Stimme, die nicht gefallen will – und gerade deshalb sofort interessant ist. Joy, genannt Jojo, denkt schnell, hart, abwehrend, manchmal bitterkomisch. Sie nimmt ihre Umgebung mit einer fast schon schmerzhaften Genauigkeit wahr: Züge, Keime, Instagram, Beerdigungsrituale, Vorstadtgerüche, Uni-Codes, soziale Klassen, Körper, Scham. Alles wird registriert, nichts gleitet einfach an ihr vorbei.

Besonders stark fand ich den Kontrast zwischen Joys äußerer Schroffheit und ihrer inneren Verletzlichkeit. Sie wirkt, als hätte sie sich über Jahre eine Sprache aus Spott, Analyse und Abwehr gebaut, damit nichts zu nah an sie herankommt. Der Tod von Thorsten und die DVD reißen aber genau dort etwas auf, wo sie eigentlich längst zugemacht hatte: bei Yara, bei der Vorstadt, bei der Kindheit, bei allem, was nicht sauber abgelegt werden kann.

Und dann das Labor. Das war für mich der stärkste Moment der Leseprobe: Joy mag, dass dort alles Regeln hat. In einer Welt, die sich für sie wie ein einziger großer Fehler anfühlt, ist das die Beständigkeit, die ihr Halt gibt. Jeder Handgriff folgt einem Protokoll, jeder Ablauf hat eine Reihenfolge, jedes Ergebnis eine Ursache. Wenn etwas misslingt, ist es wenigstens erklärbar. Das Labor wird dadurch fast zu einem Schutzraum – steril, kontrolliert, wiederholbar. Ein Gegenentwurf zu Erinnerungen, die ungeordnet kommen, zu Beziehungen, die nicht gelingen, zu einer Vergangenheit, die sich nicht sauber beschriften lässt.

Sprachlich ist das sehr gegenwärtig, sehr nah am Körper, manchmal unangenehm nah. Die Popkultur-Referenzen, die sozialen Beobachtungen und die drastischen Erinnerungsbilder wirken nicht dekorativ, sondern wie Teil von Joys Denkstruktur. Sie schaut auf Menschen, als müsste sie permanent entschlüsseln, wer dazugehört und wer nicht. Und unter all dem liegt diese große Frage: Was ist damals mit Yara passiert – und warum tut es noch immer so weh?

Für mich ist Kaskaden kein gemütlicher Roman, sondern einer mit Reibung. Einer, der kratzt, flackert, sich nicht hübsch macht. Aber genau darin liegt seine Kraft. Ich würde weiterlesen, weil Joys Stimme sofort einen Sog entwickelt – nicht, weil sie sympathisch sein möchte, sondern weil sie wahr klingt.