Bis zu welchem Punkt kann man Herkunft und Erinnerung hinter sich lassen?

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Jojo hat es geschafft - raus aus dem grauen Vorort, rein ins Unileben. Als erste in ihrer Familie. Jetzt fühlt sie sich bei ihren Eltern genauso fremd wie unter den Studis in Markenklamotten im Matcha-Café. Nur der Job im Biologie-Labor gibt ihr einen sicheren Raum. Bis Jakob in ihr Leben tritt und ein wenig Leichtigkeit mitbringt. Doch als sie ein Lebenszeichen ihrer ehemals besten Freundin Yara erhält, wirft sie das völlig aus der Bahn. Yara, mit der sie ihre gesamte Jugend verbracht hat, mit der sie ausbrechen wollte, und die dann einfach kommentarlos aus ihrem Leben verschwand. Jojo klammert sich verzweifelt an diese Vergangenheit. Doch wie soll man vorwärts leben, wenn man immer nach hinten schaut?

Louise Böhm hat einen kraftvollen Roman darüber geschrieben, was es heißt, der eigenen Klasse, Herkunft und Vergangenheit zu entfliehen. Oder das zumindest zu wollen. Denn Jojo muss immer wieder feststellen, dass es so einfach nicht ist. Der graue Vorort verfolgt sie, sie hat immer Geldsorgen in der teuren Unistadt, kann nur beim Kiosk Kaffee trinken und nicht im Café, kann keine teuren Lehrbücher kaufen, manchmal nicht einmal Lebensmittel oder die Miete bezahlen. Bei alldem hat sie die Haltung einer Einzelkämpferin: Niemanden einweihen, schön alleine leiden, niemals um Hilfe bitten. Beinahe kostet sie das all die fragilen Beziehungen, die sie sich aufgebaut hat. Doch der Roman gönnt uns die Herzensfreude, dass Dinge auch mal gut ausgehen können.

Ein nicht unerheblicher Teil von Jojos Zeit und Gedankenkraft geht dafür drauf, an ihre ehemals beste Freundin Yara zu denken. Jojo bekommt von Yaras Mutter eine DVD - sie schiebt es vor sich her, das Material darauf anzuschauen, und als sie es dann tut, reißen die alten Erinnerungen auf. Ihre Hygiene-Ticks werden schlimmer, sie verkriecht sich immer mehr in sich selbst, die gerade aufkeimende Beziehung zu Jakob erstickt sie sofort wieder. Es ist hart, Jojo bei dieser Selbstzerfleischung zuzusehen, obwohl die Menschen um sie herum da sind, fürsorglich sind, es bräuchte nur ein Wort von ihr.

Die Autorin vermittelt diesen gequälten Zustand so eindringlich, authentisch und intensiv, dass ich kaum aufhören konnte zu lesen. Diese junge Frau auf ihrem Weg ins Leben zu begleiten, durch die Hürden des "Klassenaufstiegs", durch das Navigieren menschlicher Beziehungen, das Entdecken der eigenen Sexualität, das hat genau meinen Lesenerv getroffen. Der hervorragend flüssige Schreibstil hat dabei sein Übriges getan. Ein Buch, das ich nur wärmstens empfehlen kann.