Milleniumgeneration
Emine drückt Jojo eine DVD in die Hand „Die ist wohl für dich!“ Emine hatte gerade Thorsten beigesetzt, fünf Leute waren gekommen, Yara fehlte. Das Foto, das sie vor dem Sarg platziert hatte, zeigt ihn vor dreißig Jahren, vor der Halbglatze und dem Alkohol, die Grübchen schmeichelhaft hervorgehoben. Die DVD kann nur von Yara sein. Drei Jahre ist sie jetzt weg und Jojo kommt langsam damit klar. Schwer wiegt die Diskette in ihrer Hand. Sie will wissen, was darauf ist, weiß jedoch genau, wie traurig die Bilder sie wieder machen werden.
Die ersten Tage auf dem Unigelände waren eine Grauzone. Sie malte sich den Gebäudeplan auf und baute sich Eselsbrücken: In Haus 26a da zahlt man nur in bar, weil davor ein Geldautomat stand. Mittlerweile schafft sie den Weg in die Lesungen und ins Labor spielend. Wenn sie die Erstlinge betrachtet in Nike, Dr. Martens, New Balance, die nachts in ihren Ikeabetten von der nächsten gelungenen Prüfung träumen, zieht sich die Gänsehaut über die Unterarme.
Im Labor arbeitet sie an ihrer Polymerase-Chain-Reaktion, als er vor ihr steht. Fliederfarbene Wollmütze, Augenbrauenpiercing, lackierte Fingernägel aber nur an einer Hand. Er stellt sich allen als Tutor*in vor, drittes Semester. Er sei da, um zu helfen. Und dann lächeln seine Herbstaugen wie ein Raum voller Blumen und seine Stimme klingt warm wie frischgebackene Zimtschnecken.
Fazit: Louise K. Böhm hat in ihrem Debütroman einer Mittzwanzigerin eine Stimme verliehen. Ihre Protagonistin Jojo ist von der Provinz in die Stadt gegangen, um zu studieren. Ihre beste Freundin aus Kindertagen Yara hat den Kontakt zu ihr abgebrochen. Jojo hat enorme Schwierigkeiten, Menschen zu vertrauen. Die Autorin lässt mich Jojos Zwanghaftigkeit spüren und ihren Wunsch zu kontrollieren. Jojos Verhalten wirft in mir Fragen auf. Ganz allmählich enträtselt sich Jojos Geschichte, die sie so schwer getroffen hat, dass sie wichtige Ereignisse dissoziiert, verdrängt hat. Erst als ihr eine DVD aus ihrer Vergangenheit in die Hände fällt, um die sie wochenlang herumschleicht, lichten sich auch für Jojo die Schatten und sie kann die verdrängten Elemente verarbeiten. Was mir gut gefallen hat ist, dass die Autorin mit viel Feingefühl und Kenntnis der menschlichen Psyche zeigt, wie verstört Jojo ist. Die Hilflosigkeit im Umgang mit anderen Menschen, ihre Ängste, Befürchtungen und die Scham, das hat mich berührt. Louise K. Böhm schärft gekonnt meinen Blick auf eine Milleniumgeneration, über die ich so wenig weiß. Zeigt Unstimmigkeiten in der stets behaupteten Chancengleichheit auf und die Unsicherheiten finanziellen Mangels. Schreibstil und Stimmung sind sehr kreativ und haben mich in die Geschichte hineingezogen. Es geht um Freundinnenschaft, Liebe und Vertrauensbrüche.
Die ersten Tage auf dem Unigelände waren eine Grauzone. Sie malte sich den Gebäudeplan auf und baute sich Eselsbrücken: In Haus 26a da zahlt man nur in bar, weil davor ein Geldautomat stand. Mittlerweile schafft sie den Weg in die Lesungen und ins Labor spielend. Wenn sie die Erstlinge betrachtet in Nike, Dr. Martens, New Balance, die nachts in ihren Ikeabetten von der nächsten gelungenen Prüfung träumen, zieht sich die Gänsehaut über die Unterarme.
Im Labor arbeitet sie an ihrer Polymerase-Chain-Reaktion, als er vor ihr steht. Fliederfarbene Wollmütze, Augenbrauenpiercing, lackierte Fingernägel aber nur an einer Hand. Er stellt sich allen als Tutor*in vor, drittes Semester. Er sei da, um zu helfen. Und dann lächeln seine Herbstaugen wie ein Raum voller Blumen und seine Stimme klingt warm wie frischgebackene Zimtschnecken.
Fazit: Louise K. Böhm hat in ihrem Debütroman einer Mittzwanzigerin eine Stimme verliehen. Ihre Protagonistin Jojo ist von der Provinz in die Stadt gegangen, um zu studieren. Ihre beste Freundin aus Kindertagen Yara hat den Kontakt zu ihr abgebrochen. Jojo hat enorme Schwierigkeiten, Menschen zu vertrauen. Die Autorin lässt mich Jojos Zwanghaftigkeit spüren und ihren Wunsch zu kontrollieren. Jojos Verhalten wirft in mir Fragen auf. Ganz allmählich enträtselt sich Jojos Geschichte, die sie so schwer getroffen hat, dass sie wichtige Ereignisse dissoziiert, verdrängt hat. Erst als ihr eine DVD aus ihrer Vergangenheit in die Hände fällt, um die sie wochenlang herumschleicht, lichten sich auch für Jojo die Schatten und sie kann die verdrängten Elemente verarbeiten. Was mir gut gefallen hat ist, dass die Autorin mit viel Feingefühl und Kenntnis der menschlichen Psyche zeigt, wie verstört Jojo ist. Die Hilflosigkeit im Umgang mit anderen Menschen, ihre Ängste, Befürchtungen und die Scham, das hat mich berührt. Louise K. Böhm schärft gekonnt meinen Blick auf eine Milleniumgeneration, über die ich so wenig weiß. Zeigt Unstimmigkeiten in der stets behaupteten Chancengleichheit auf und die Unsicherheiten finanziellen Mangels. Schreibstil und Stimmung sind sehr kreativ und haben mich in die Geschichte hineingezogen. Es geht um Freundinnenschaft, Liebe und Vertrauensbrüche.