Schicht für Schicht

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annnnnnna Avatar

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Manche Brüche passieren nicht mit einem Knall. Manchmal bleiben nur Schweigen, offene Fragen und eine Freundschaft, die plötzlich nicht mehr dieselbe ist.

Genau dort beginnt Jojos Geschichte. Der Kontakt zu ihrer ehemaligen besten Freundin Yara ist abgebrochen, ohne Aussprache, ohne echten Abschluss. Zurück bleiben verletzte Gefühle, Unsicherheit und ein Rucksack voller unausgesprochener Fragen, den Jojo mit ins Studium nimmt. Mittlerweile studiert sie Molekularbiologie im Master. Im Labor folgt alles festen Regeln und klaren Abläufen. Doch in ihrem Inneren herrscht Chaos. Die Scham über ihre Herkunft begleitet sie auf Schritt und Tritt. Sie wartet auf BAföG Bescheide, beobachtet ihre Kommilitonen, ihre Kleidung, ihre Selbstverständlichkeit, ihren Wohlstand. North Face Jacken, Dr. Martens, Hipstercafés. Dinge, die für andere selbstverständlich erscheinen und für Jojo zu Symbolen einer Welt werden, zu der sie sich nicht zugehörig fühlt.

Besonders spannend fand ich dabei, dass Jojo nicht nur Klassismus erfährt, sondern selbst immer wieder Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihres vermeintlichen Wohlstands beurteilt. Stellenweise hatte ich sogar das Gefühl, dass sie mehr Klassismus ausübt, als sie tatsächlich erlebt. Gerade diese Widersprüchlichkeit macht die Figur interessant, weil sie zeigt, wie tief Scham, Unsicherheit und das Gefühl des Nichtdazugehörens sitzen können und wie leicht daraus neue Vorurteile entstehen. Erst als sie beginnt, ihre Mauern einzureißen und andere Menschen nicht länger durch die Brille ihrer eigenen Verletzungen zu betrachten, wird Heilung überhaupt möglich.

Louise K. Böhm erzählt diese Geschichte mit einer Wucht, die mich von der ersten Seite an gepackt hat. Der Titel könnte treffender kaum gewählt sein. Stück für Stück legt die Autorin frei, was Jojo geprägt hat. Erinnerungen, Verletzungen und Erfahrungen schälen sich Schicht um Schicht aus der Vergangenheit heraus und ergeben nach und nach ein immer klareres Bild von Jojo und ihren inneren Kämpfen. Besonders stark fand ich die Atmosphäre des Romans. Der Schreibstil ist roh, intensiv und gleichzeitig angenehm nüchtern.

Marken, Songs und alltägliche Beobachtungen erzeugen eine enorme Nähe und sorgten bei mir immer wieder für eigene Erinnerungen und kleine Flashbacks. Genau diese Mischung macht das Buch so greifbar und zu einem eindringlichen Coming of Age Roman.

Spannend fand ich vor allem, dass der Roman keine einfachen Antworten liefert. Jojo erfährt Ausgrenzung und fühlt sich oft fehl am Platz. Gleichzeitig beobachtet man, wie sie selbst Vorurteile entwickelt und andere Menschen vorschnell einordnet. Genau diese Ambivalenz macht Jojo zu einer glaubwürdigen und menschlichen Figur.

Nicht jede Sichtweise konnte ich dabei vollständig teilen. Herkunft prägt zweifellos ein Leben, doch ich bin auch überzeugt, dass man sich seinem Schicksal entgegenstellen und seinen eigenen Weg finden kann. Vielleicht blieb deshalb eine kleine Distanz zwischen Jojo und mir. Manche Verallgemeinerungen und Zuschreibungen empfand ich als etwas zu pauschal. Dennoch hat mich genau diese Reibung zum Nachdenken gebracht.

Was für ein starkes Debüt. Ein Roman, der von sozialer Herkunft erzählt, aber eigentlich von etwas Universellerem handelt: dem Wunsch dazuzugehören, ohne sich selbst zu verlieren.

Ein Buch, das nicht laut sein muss, um lange nachzuhallen.