Die Stimme einer Königin

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birdies_buecherwelt Avatar

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Als junge Frau besteigt Kleopatra den Thron, wird Pharaonin und muss ihr Reich nicht nur gegen äußere Bedrohungen verteidigen, sondern vor allem gegen Intrigen aus den eigenen Reihen. Sie wird hier nicht zur Legende stilisiert, sondern als denkende, fühlende, zweifelnde und zugleich unglaublich entschlossene Frau gezeigt.
Obwohl ich mich sehr für antike Geschichte interessiere, habe ich mich zuvor nie intensiv mit Kleopatra beschäftigt. Die Quellenlage ist bekanntlich dünn und genau das greift die Autorin auf. Sie gibt Kleopatra eine eigene Stimme und lässt bewusst offen, was historisch belegt und was literarische Fiktion ist. Viele Elemente sind klar als Fiktion erkennbar und manches fühlte sich für mich nicht ganz stimmig an. Und doch habe ich mich dabei ertappt, warum ich das überhaupt infrage stelle. Denn hier erzählt Kleopatra selbst ihre Geschichte und darin liegt für mich die große Stärke und Faszination dieses Romans.
Der Schreibstil ist detailreich, atmosphärisch und durchgehend fesselnd. Genial fand ich die Darstellung der Beziehung zu Caesar. Diese Geschichte glaubt man zu kennen, doch hier wird sie neu und differenziert erzählt, vor allem durch die eindrucksvolle Darstellung Caesars, bei der sein berühmtes Charisma besonders überzeugend zur Geltung kommt. Die spätere Beziehung zu Antonius war mir hingegen etwas zu romance lastig. Zusätzlich zieht sich eine mythologische Ebene durch die Handlung, die klar dem Bereich der Fiktion zuzuordnen ist, der Geschichte aber Tiefe verleiht und hilft, Kleopatras Denken und Handeln besser zu begreifen. Dadurch hebt sich der Roman deutlich von klassischen historischen Erzählungen ab. Ich möchte ihn auch gar nicht mit anderen mythologischen Neuerzählungen vergleichen, denn Kleopatra steht hier ganz für sich.
Der feministische Blick auf diese Figur ist längst überfällig. Kleopatra wird nicht auf die Rolle der Verführerin reduziert. Sie ist Pharaonin, Herrscherin, Mutter, Ehefrau, Geliebte, Heilerin, politische Strategin und spirituell Suchende zugleich. Immer wieder wendet sie sich direkt an die Leser:innen, stellt Dinge klar, fordert zum Hinterfragen auf und erinnert daran, dass Geschichte von Männern geschrieben wurde und Frauen darin oft verzerrt dargestellt oder als Feindbild betrachtet werden.
Dieses Buch ist weder klassischer historischer Roman noch Sachbuch, sondern eine intensive Auseinandersetzung mit Macht, Identität und Selbstbestimmung. Ein Roman, der zum Nachdenken anregt und einer der bekanntesten Frauen der Geschichte neue Facetten verleiht. Eine klare Leseempfehlung für alle, die sich auf etwas Besonderes einlassen möchten.