Fiktive Biographie mit Romantasy-Anklang

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la tina Avatar

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Auf das Buch hatte ich mich so gefreut. Ich mag die Möglichkeit, historische Persönlichkeiten über eine fiktive Biographie kennenzulernen. Frühere Berichte über Kleopatra sind überwiegend von privilegierten Männern der feindlichen Seite verfasst, entsprechend hoch waren meine Erwartungen, die Frau mal aus nicht-mysogyner Perspektive dargestellt zu bekommen.

Männern fällt es nunmal schwer, in mir die begnadete Heerführerin zu sehen; es war einfacher über meine Schönheit zu schreiben, als über meinen Intellekt. (Zitat S. 384)

Es wäre so schön gewesen, hätte die Autorin sich die Mühe gegeben, nicht genau den Fehler zu begehen, den sie in ihrem Roman anprangert. Sie lässt Kleopatra retrospektiv ihr Leben erzählen von dem Beginn ihrer Krönung zur Pharaonin, was stilistisch zunächst unterhaltsam zu lesen ist. Was ich jedoch im gesamten Buch vermisse ist das Bild der beeindruckenden Regentin, der Führerin eines Landes, ihre wirtschaftspolitischen Leistungen. Der Aufbau ihres Regentenstabes. Stattdessen das Bild einer Frau, die auf Intrigen hereinfällt, sich nach ihrem Geliebten sehnt und ihren Kindern beim Spielen zuschaut. Zwar sind ihre (fiktiven?) geheimen Ausflüge unters Volk, um Kranke zu heilen, ganz interessant zu lesen. Doch ihre wirklichen Leistungen als Regentin kommen hier kaum zum tragen, obwohl diese doch einen erheblichen Part der Person ausmachen. Ich bekam das Bild einer Regentin, die Unmengen an Zeit für Ausflüge und Träumereien zu haben scheint. Ihre Bildung wird höchstens mal nebenbei erwähnt. Dafür stürzte sich die Autorin mit Begeisterung wiederholt in ausgiebige Beschreibungen von Kleopatras Outfits, Frisuren und Schmuck, wie es in Romantasy oftmals schwerpunktmäßig thematisiert wird. Dadurch hat das Buch vermehrt einen Romantasy-Charakter erhalten, die einst mächstigste Frau der Welt wird regelrecht verkitscht. Zudem kommt im Buch ein wirklich unnötiger Übersetzungsfehler vor, der vermeidbar gewesen wäre. Der lateinische Ausspruch ALEA IACTA EST (Der Würfel ist gefallen) wird auf S. 193 falsch mit der Übersetzung zu ALEAE IACTAE SUNT (Die Würfel sind gefallen) übersetzt. Jeder Asterix-Fan hätte das besser hinbekommen!
Wer eine fiktive Biographie lesen will, welcher der einst mächstigsten Regentin auch in Bezug auf ihre wirtschaftspolitischen und rechtssprechenden Leistungen gerecht wird, wird enttäuscht sein. Wen eine romantisch-verklärte Darstellung mit Romantasy-Einschlag nicht stört wird sich gut unterhalten fühlen.