Bewegend und erschütternd

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magdas_buecherwelt Avatar

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Mechthild Borrmann zählt zu meinen Lieblingsautorinnen, ich habe mich schon sehr auf ihr neues Buch gefreut, und sie hat es wieder geschafft, mich zu begeistern.
Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen: 1993 und 1931-1953.
1993 in einem Ort bei Rostock: Eine ältere Frau, die ein kleines Häuschen an der Ostsee in der ehemaligen DDR bewohnt, bekommt ein Schreiben von der Rentenversicherung, in dem sie aufgefordert wird, ihre Versicherungszeiten bis 1953 nachzuweisen. Kurze Zeit später erhält sie einen Brief aus Hamburg, in dem ein Mann behauptet, ihr Neffe zu sein. Beide Schreiben wühlen sie auf, sie wird von Erinnerungen an den Krieg und die Zeit danach überwältigt und beschließt, diese aufzuschreiben.
1931 am Niederrhein: Lene, 17, lernt bei einer Tanzveranstaltung den Holländer Joop kennen. Lenes Eltern betreiben einen Bauernhof und wollen ihre Tochter mit einem Bauern verheiraten. Joop arbeitet in einer Fabrik, wo er mehr als in seinem Beruf als Schreiner verdient. Die beiden treffen sich heimlich. Als Lenes Eltern von den Stelldicheins erfahren, schicken sie Lene nach Ratingen, wo sie eine Stelle als Dienstmädchen antritt.
Als Lene nichts mehr von Joop hört, geht sie auf die Avancen von Franz ein und wird schwanger. Lene und Franz heiraten und werden Eltern des kleinen Leo. Irgendwann fällt auf, dass sich ihr Sohn nicht altersgemäß entwickelt, er stottert und ist feinmotorisch ungeschickt. Lene wird aufgefordert, Leo in ein Heim zu bringen.
Nora ist Krankenschwester in dem Heim, in dem Leo untergebracht ist. Sie kümmert sich um den kleinen Jungen an, der ihr bald ans Herz wächst. Als sie merkt, was mit den entwicklungsverzögerten Kindern geschieht, wendet sie sich an den Heimleiter. Daraufhin wird sie ins Militärkrankenhaus nach Danzig versetzt. Doch bevor sie geht, will sie Leo retten.
Lotte lernt Nora im Zug nach Danzig kennen. Sie hat sich freiwillig gemeldet, um als Schreibkraft an der Kommandantur in Danzig zu arbeiten. Die beiden freunden sich an und flüchten 1945 vor der Roten Armee. Sie werden gefangen genommen, gequält, missbraucht und in ein Arbeitslager nach Russland verschleppt, nur eine von ihnen überlebt die Torturen.
Es werden sehr viele Themen behandelt: Die Ausrottung „lebensunwerten Lebens“ im Nationalsozialismus, die Vertreibung aus Pommern, die Massenvergewaltigungen und vor allem die „lebenden Reparationen“ –GULag-Lager, in denen deutsche Kriegsgefangene und Zivilisten in der russischen Tundra noch Jahre nach Kriegsende unter unmenschlichen Bedingungen schuften mussten. Neben Noras und Lottes Schicksal hat mich Lenes und Joops Liebesgeschichte sehr berührt.

Mechthild Borrmann schreibt emotional und bewegend, ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen und habe es an zwei Tagen verschlungen. Ich vergebe fünf Sterne und spreche eine große Leseempfehlung aus, vor allem für Leser*innen von historischen Romanen.