Glanzvolle Kulisse, blasse Gefühle

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coni90 Avatar

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Mit "Les Bouttiers – Wir sind jetzt" entführt uns Antonia Wesseling in die glamouröse Welt eines alteingesessenen Pariser Modehauses. Die Familie Bouttier steht seit Jahrzehnten für Erfolg im Modebusiness und mittendrin befindet sich Enkelin Elodie, unsere Hauptfigur, die ,seitdem ihre Mutter einen Unfalltod erlitt, nicht mehr in Paris war. Das Setting rund um Haute Couture, Familientradition und Großstadtflair hat mich insgesamt sehr gut unterhalten. Besonders das Modehaus als zentralen Schauplatz mochte ich sehr. Allerdings hätte ich mir noch mehr atmosphärische Eindrücke von Paris gewünscht, denn die Stadt selbst blieb für meinen Geschmack etwas zu blass.

Erzählt wird die Geschichte aus wechselnden Ich-Perspektiven von Elodie, ihrem Cousin Gabriel und Konkurrent Adam. Diese Perspektivwechsel sorgten grundsätzlich für Dynamik und Einblicke in unterschiedliche Gedankenwelten. Gleichzeitig gab es jedoch eine Vielzahl an Figuren, wodurch es mir teilweise schwerfiel, den Überblick zu behalten. Der im Einband enthaltene Stammbaum war hier eine große Hilfe; ein zusätzliches Personenverzeichnis wäre aufgrund der vielen Nebenfiguren meiner Meinung nach dennoch sinnvoll gewesen.

Besonders positiv hervorheben möchte ich die kreative Idee, gemeinsam mit einem Sänger einen Song zum Buch zu entwickeln. Direkt zu Beginn des Romans findet sich der QR-Code, der einen zum Lied führt und eine kleine Erklärung der Autorin. Dieses multimediale Element finde ich richtig gelungen und es verlieh der Geschichte einen besonderen Touch. Auch das Cover ist wunderschön gestaltet und spiegelt die elegante, modische Atmosphäre des Romans sehr gut wider.

Was mir allerdings gefehlt hat, ist ein klarer übergeordneter Spannungsbogen. Die Handlung plätscherte stellenweise eher dahin, ohne dass sich ein starkes zentrales Konfliktfeld wirklich zuspitzt. Zwar gibt es einen Cliffhanger am Ende, der neugierig auf Band zwei macht, aber ich finde ihn gut auszuhalten.

Emotional blieb ich leider etwas auf Distanz. Zwischen Elodie und Gabriel konnte ich die Anziehung nicht wirklich spüren. Die beiden haben sich über ein Jahrzehnt nicht gesehen und kennen sich eigentlich kaum noch – ohne echtes Aufarbeiten der Vergangenheit oder ein glaubwürdiges erneutes Kennenlernen empfanden sie plötzlich große Anziehung zueinander. Das war mir zu wenig Entwicklung, zu wenig Gespräche, zu wenig echtes Wachstum.

2. Love Interest Adam, Sohn des konkurrierenden Modehauses Le Blanc, startete als großkotziger Charakter, durchlief jedoch eine für mich erkennbare Entwicklung. Dennoch blieb für mich bis zum Schluss die Frage offen, ob seine Motive wirklich ehrlich sind und welches Interesse er nun an Elodie hegt. Sympathisch wurde er mir ebenso wenig wie Gabriel. Beide behandelten Elodie stellenweise bevormundend – und besonders irritierend fand ich, dass sie sich das oft gefallen ließ. Einerseits wurde Elodie als selbstbewusst, modern und konfrontationsbereit beschrieben, andererseits verhielt sie sich in Bezug auf die Männer häufig überangepasst und passiv. Diese Inkonsistenz hat mich gestört. Auch die zahlreichen Spice-Szenen konnten diese fehlende emotionale Tiefe für mich nicht ausgleichen. Hinzu kam, dass ich Elodie auch jenseits des Love Triangels nur schwer greifbar fand. Hier hätte ich mir mehr Ausarbeitung gewünscht, die aufzeigt, dass Elodie aktiv gegen Machtspiele und Geheimnisse vorgeht und zudem auch ihren eigenen Lebensweg finden möchte. Erst zum Schluss des Romans gab es hier eine klarere Linie.

Ein echtes Highlight war für mich hingegen Elodies kleine Schwester Zoé. Mit ihrer direkten Art sorgte sie für unterhaltsame Momente und sprach unangenehme Wahrheiten offen an – eine Figur, die der Geschichte spürbar Frische verlieh und für meinen Geschmack deutlich mehr Anteil hätte haben dürfen. Auch sonst gab es viele weitere unterhaltsame oder auch sehr unterschiedliche Nebenfiguren, die für mich insgesamt noch mehr Anteil und damit emotionale Tiefe vertragen hätten. So hätte ich mir z.B. gewünscht, dass Elodie mehr Einsatz zeigt, um in Paris auch jenseits ihrer Familienbande Anschluss zu finden. Verbindungen zu potentiellen Freundinnen wie Claire, die im Unternehmen der Familie arbeitet, wurden aber eher oberflächlich abgehandelt.

Trotz meiner Kritikpunkte hat mich das Buch insgesamt gut unterhalten - vor allem wegen des Mode-Settings und der familiären Dynamik. Die emotionale Tiefe und die romantische Chemie hätten für mich stärker ausgearbeitet sein dürfen, doch neugierig auf die Fortsetzung bin ich trotzdem.

Fazit: Ein atmosphärischer Auftakt mit starkem Mode-Setting, wunderschönem Design und kreativen Extras. Emotional für mich jedoch nicht ganz greifbar. Band 2 werde ich dennoch lesen.