Fesselnde Erinnerungen

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Ein sehr eindrucksvoller Roman, dicht, berührend, voller Leben und doch großer Traurigkeit. Die Romanfigur Elisabeth Franchy, genannt Ella, erzählt rückblickend in der Ich-Perspektive von ihrem Leben vor allem in den Jahren 1943 und 44, zunächst vierzehnjährig. Der Kriegseintritt hat noch wenig geändert in Hermannstadt, Siebenbürgen. In diesem Frühling kommt ein neues Mädchen in die Klasse. Harriet ist schön, trägt teure Kleider, wohnt in einer Villa. Nach einem Badeunfall, bei dem sie fast ums Leben kommt, freunden sich die beiden Mädchen an und sind fortan unzertrennlich. Doch Elisabeth wird Harriet verlieren, wie sie schon sehr bald preisgibt. Die Liebe und deren Ende, die Frage nach dem Glück, den Erinnerungen an das Glück durchziehen leitmotivisch den Roman. Brechts Gedicht ‚Die Liebenden‘ geben das Gerüst vor: Die Liebenden sind einander Halt, werden sich jedoch trennen. Dadurch, dass der Roman von einem späteren Erzählerstandpunkt aus geschrieben ist, kann Ella auswählen, welche glücklichen und welche unglücklichen Momente sie uns mitteilen will. Dem ‚unvergängliche(n) Glück‘ der Erinnerungen stehen andere Ereignisse entgegen. So wird die Trauer ein wesentlicher Bestandteil von Ellas Leben.
Ella wächst in einer Großfamilie auf, die Eltern sind liebevoll, mit ihrer Cousine Daggi verbindet sie eine tiefe Freundschaft. Der Faschismus verändert das Leben der Menschen, das dennoch vorerst in all seiner Lebendigkeit weitergeht. Iris Wolff schildert Hermannstadt, heute Sibiu, sehr anschaulich als eine Stadt voller Betriebsamkeit. Die Architektur, die Landschaft, die engen Gassen und das Leben in den Häusern werden in ihrer Schönheit präsentiert. Die Siebenbürger Sachsen lebten Seite an Seite mit den Rumänen, bis der Krieg die Geschichte veränderte und tiefe Wunden riss. Iris Wolff hat in Sibiu ihre Kindheit verbracht, bevor sie nach Deutschland übersiedelte. Doch der Roman behandelt eine Zeit davor, Ella muss um das Jahr 1929 herum geboren sein, also etwa 50 Jahre vor der Autorin.
Dadurch, dass Ella über den Fortgang der Ereignisse Bescheid weiß und uns immer wieder wissen lässt, wie die Dinge sich entwickeln werden, durchzieht ihre Traurigkeit von Anfang an alle Ereignisse und wir erfahren, dass es nicht so bleiben wird, wie es ist. Hinzu kommt unser historisches Wissen um den Ausgang und die Folgen des Krieges, sodass wir das Geschehen stets im Spannungsverhältnis von erzählter Zeit und heutiger Wirklichkeit sehen.
Trotz der Fülle von Ereignissen, Beschreibungen, Betrachtungen wirkt der Roman nie überfrachtet, sondern bleibt lesbar, fesselnd, interessant und berührend. Vieles bleibt ungesagt. Iris Wolff ist eine großartige Erzählerin, deren Werk im Literaturbetrieb heraussticht.