Wehmütig und unbeschwert zugleich

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„Leuchtende Schatten“ heißt der zweite Roman von Iris Wolff aus dem Jahr 2015, der in diesem Jahr vom Verlag Klett-Cotta neu aufgelegt wurde. Zentrales Thema: der Verlust der Heimat.

Wolffs Roman spielt vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in den Jahren 1943 und 1944 in Siebenbürgen. Iris Wolff macht das Mädchen Ella zur Erzählerin. Rückblickend taucht diese wieder ein in eine Zeit des Umbruchs und des Verlusts der Heimat, aber auch die Zeit großer Freundschaften und der ersten Liebe. Die Selbstverständlichkeit des Zuhauses und der Heimat beschreibt Ella anfangs so:

Alles war gut so, wie es war. Ich kannte jede Straße unseres Viertels, jede Abkürzung auf den Wegen, die ich oft ging. […] Meine Welt war an den meisten Tagen nicht größer als unser Haus, der Hof und einige Straßen. An anderen Tagen wurde sie ein wenig weiter und erstreckte sich auf den Markt, die Oberstadt oder den Jungen Wald. Und an wenigen Tagen wurde sie himmelweit, wenn wir einen Auflug ins Zibinsgebirge machten.
[…] Während der Kindheit sind wir eins mit dem, was uns umgibt. Alles gehört selbstverständlich und unzweifelhaft zu uns, Eltern, Verwandte, Freunde, Zimmer, Straßen, Jahreszeiten – man lebt in dem Gefühl, als bestünde nichts ohne das eigene Zutun, als wäre der Schnee nur für uns gefallen, für den Schlitten, der endlich aus dem Schuppen darf.

Wertend schaut die Erzählerin zurück auf das, was sie erlebt hat. Wertend, aber nicht allwissend. Die politischen Verhältnisse wirken sich erst nach und nach auf das Leben aus. Und ausgerechnet ihre Freundschaft zu der neuen Schülerin Harriet muss darunter leiden. Und da wir als Leser nur Ellas Sicht kennen, erfahren auch wir erst nach und nach, was eigentlich Sache ist. Das trifft auch auf die Freundschaft der beiden Mädchen zu – mal wird sie als tiefere Liebe beschrieben, mal als Freundschaft.

Die unbeschwerte Jugend endet nicht, als manches knapp wird, sie endet, als der Vater an die Front geht. Die Seite, auf der man als Rumäniendeutscher steht, ist dabei heiß diskutiert. Auch in der Familie. Die Liebe zu Literatur und Sprache hat der Vater Ella nahegebracht, und so ist der Tod des Vaters an der Front ein tiefer Einschnitt. Und auch Leo, Ellas große Liebe, will sich an die Front melden. Ellas Halt in ihrer Welt bröckelt von Mal zu Mal. Und schließlich fühlt sie sich von Harriet auch nicht mehr richtig verstanden.

Dass trotz der schwierigen Umstände die Hoffnungslosigkeit nicht überhand nimmt, liegt an der jungen Erzählerin und an manch‘ glücklichen Umständen. Von einem „leuchtenden Einvernehmen“ spricht der Roman am Schluss – allen Verlusten, Sinnlosigkeiten und Ungewissheiten zum Trotz. Damit lässt sich gut erklären, was diesen Roman von Iris Wolff ausmacht. Am Ende bleibt nicht der Verlust, sondern die Erinnerung – und die lässt Schatten leuchten. Die kindliche Wahrnehmung wird nicht rückblickend relativiert und revidiert, sondern in ihrer Offenheit und Unwissenheit als Erzählperspektive beibehalten.

Iris Wolff gelingt es tatsächlich in ihrem Roman, die Menschen, denen Ella vertraut hat, in der Erinnerung wieder lebendig werden zu lassen – und so werden sie zu „leuchtenden Schatten“. Wehmütig und voller Unbeschwertheit ist „Leuchtende Schatten“ dadurch zugleich.