Ein Rohdiamant...

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aerdna Avatar

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...der sein Funkeln auf den zweiten Blick offenbart.
Liefern ist eines der Bücher, bei denen es mir schwergefallen ist, hineinzufinden.
Anfangs adheskes Chaos, zu viel aufgeregte Unruhe, zu viele Adjektive; eine Überfrachtung mit zu viel, vielleicht zu gewolltem, Verve-Sprech.
Schließlich wird es aber ruhiger, tiefgründiger, sensibler - und auch richtig gut.
Die Ausweglosigkeit der Situation Daniats und Filmons tut weh. Gefangen zwischen Entscheidungen, von denen jede eine Wahl zwischen Pest und Cholera ist, bemühen sie sich alltäglich um ein besseres, sicheres Leben und tauschen dabei Sicherheit zum Preis von Beziehung ein. Totalitär-autoritäre Unfreiheit gegen eine neue, subtilere Selbstbestimmungslosigkeit.
Liefern ist ein ehrlicher, betroffen machender Spiegel unserer Gesellschaft. Schmerzhaft, aufrüttelnd. Und wirft die große Frage auf: warum tun wir uns das an?
Gleichzeitig liegt diese unfassbare Zartheit zwischen den Zeilen, die so schwer zu worten ist und erstaunt.
Ich bin neugierig, mehr von diesen Menschenleben zu erfahren. Wie gehen sie mit dieser eigentlich untragbaren Situation um, zwischen der ganze Lebensspannen verloren gehen, wie in einer Wartehalle am Bahnhof des Lebens?
Welches Gefühl wird am Ende von Liefern verbleiben, bei so einer starken Gratwanderung zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit?
Das Cover passt mit seiner Symbolik maßgeschneidert zum Inhalt. Mir gefällt die geradlinige Aufgeräumtheit sehr gut, fast schon minimalistisch aber dabei auf den ersten Blick punktgenau aussagekräftig. Tolle Farbwahl; auch der Kontrast der Schrift, zwischen Schwarz und Weiß - zwischen denen die Grautöne der Lebenswelten der Lieferer liegen, die Verschmelzung von Schwarz und Weiß.
Dieses Cover spricht eine laute Sprache. Ist so subtil großartig gemacht.
Und wie könnte man sich schließlich das Wortspiel verkneifen, dass Tomer Gardi mit Liefern liefert?!