Ausgeliefert an Worte.

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Mit Liefern legt Tomer Gardi ein Buch vor, das sich jeder bequemen Lesehaltung widersetzt. Es ist kein Roman im herkömmlichen Sinn, sondern ein sprachliches Versuchsfeld, in dem Erzählen, Denken und Sprechen permanent ineinander kippen. Wer Ordnung sucht, wird hier kaum fündig; wer aber bereit ist, sich auf Instabilität einzulassen, erlebt Literatur in einem hochgradig gegenwärtigen Zustand.
Gardis Sprache ist bewusst beschädigt. Deutsch erscheint nicht als souverän beherrschtes Medium, sondern als etwas Geliehenes, Verschobenes, immer leicht neben der Norm. Grammatische Unsicherheiten, abrupte Wechsel, scheinbar falsche Konstruktionen sind kein Makel, sondern Methode.
Inhaltlich kreist das Buch um Arbeit, Migration, Körper, Ausgeliefertsein. Der Titel Liefern ist dabei doppeldeutig: Es geht um das tatsächliche Ausliefern, das Bringen von Waren, aber ebenso um das Sich-Ausliefern an Systeme.
Liefern ist kein Buch, das gefallen will. Es fordert Aufmerksamkeit, Offenheit und die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten. Gerade darin liegt seine literarische Kraft. Tomer Gardi zwingt seine Leser*innen, die eigene Rolle neu zu denken: als Mitlesende.