Der Geschichtenlieferbote hat sich unterwegs verzettelt

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angie99 Avatar

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„Liefern“ liefert frei Haus informative Einblicke in den Alltag derer, die liefern. Egal ob Pizza, Curry oder Sushi, egal ob Deutschland, Israel, Indien, Türkei oder Argentinien: die sogenannten Rider stehen auf der untersten Stufe der Nahrungskette. Sie werden ausgenutzt, stehen permanent unter Zeit- und Bewertungs-Druck, müssen erhebliche Gefahren in Kauf nehmen und werden nur unzureichend entlohnt. Kein Wunder also, dass Essensauslieferer Filmon den Vorschlag bekommt, den Dorftrottel des globalen Dorfes zu geben, denn das sind sie wohl alle.
Autor Tomer Gardi bietet dagegen einen Perspektivwechsel an: wie wäre es, in ihnen „richtige“ Menschen zu sehen? Menschen mit Träumen, Zielen, Sehnsüchten, Menschen, die Verantwortung übernehmen für andere, für Freunde und Familie, mit einem Kind auf dem Rücksitz oder aber einem Kind, das sie zwar gezeugt, aber noch nie in die Arme geschlossen haben?
Und wie wäre es, ein paar der Automatismen aufzuzeigen, welche die Rider trotz der miesen Arbeitsbedingungen weiterhin auf ihre Zweiräder zwingen? Wie wäre es, damit unser eigenes, höchst privilegiertes Konsumverhalten zu hinterfragen?
Gardi schafft es, sich im Windschatten der Rider bewegend, auf die Schattenseiten der globalisierten Medaille aufmerksam zu machen, ohne in Gejammer zu verfallen. Er präsentiert uns Menschen, die vor Lebenswillen strotzen, er findet irgendwo in der dreckigen Gosse auch immer wieder eine Spur Humor. So lesen sich diese einzelnen, mit einem feinen Faden über die Weltkugel zusammengesponnen Episoden ohne Schwermut und ohne moralischen Zeigefinger. Mir haben allein schon die Namen der Lieferdienste Spaß gemacht, aber auch etliche andere liebevoll-skurille Details zeugen vom Einfallsreichtum und der Weltzugewandtheit des Autors. So gibt es zum Beispiel „den erster Eritreer der Weltgeschichte, der Jiddisch sprach“ (S. 28) oder eine genervte Verfolgergruppe, die sich aus Langeweile zu Fanaticos wandelt. „Sie brachten den Gringos, Japanern und Tedescos die schlimmsten Lieder gegen Boca bei… Die Touristen sangen mit, fluchten mit, so stolz, so begeistert, ganz nah am authentischen Ausdruck der argentinischen Seele dran zu sein.“ (S. 274)
Neben diesen sehr gelungenen Anteilen, die diesen Roman absolut lesenswert machen, hatte ich mit „Liefern“ drei Probleme: 1. kommt der Autor immer wieder vom Hölzchen aufs Stöckchen und erzählt Dinge, die nach einer Fortsetzung, einer Erklärung oder einem Clou schreien, welche aber nie auftauchen. 2. fand ich das Kapitel „Memesis“ viel zu langgezogen, langatmig und langweilig. Vorbei der Leseschwung. 3. musste ich parallel ein anderes Buch lesen, welches mir eindrücklich vorführte, dass es möglich ist, mit wenig Text viel zu erzählen. Der Rezensionszeitpunkt für diesen Roman ist also eher ungünstig. Dafür kann Tomer Gardi nichts. Aber eine deutliche Kürzung hätte dem Werk nicht geschadet, sondern seine Wärme, seine Witz- und Spritzigkeit noch deutlicher zum Vorschein treten lassen. Wenn er das nächste Mal liefert, sollte er einen direkteren Weg wählen - die 5 Sterne sind ihm sicher!